Ein kathartisches Versprechen

Ich habe eine neue Geschichte versprochen. Öffentlich. Ich sollte wohl liefern. Aber ein Teil der neuen Geschichte könnte euch verunsichern. Oder könnte mich verunsichern? Wahrscheinlich beides (ok, mich vielleicht mehr). Höchstwahrscheinlich ist es mir auch einfach peinlich, dass ich in den Tiefen des Lockdowns doch schwach geworden bin. Ich hab mich wieder mit dem Handtuch-Narzissten getroffen.

Bäm, jetzt habe ich es aufgeschrieben. Die Katharsis lässt noch auf sich warten.

Und warten….Und warten…..Das aufzuschreiben ist nicht so kathartisch wie ich gedacht hatte, dass es sein könne.

Aber was hatte ich gedacht, dass dieser Effekt überhaupt ist?

Normalerweise sehe ich bei mir selbst eine gewisse Befreiung von inneren Konflikten durch das Aufschreiben. An der Tastatur abreagieren, was man am Gegenüber nicht abreagieren kann.

Weil das Gegenüber schon längst das Weite gesucht hat oder jedem ernsten Gespräch konsequent aus dem Weg geht.

Hat mal einer wissenschaftlich untersucht, wie ein modernes Trauerspiel funktioniert, wenn am Ende meist keiner stirbt und es auch keinen großen Showdown gibt, sondern einfach jemand geghostet wird? No? Könnte mal jemand `ne Diss drüber schreiben.

Jemand. Ich nicht. Ich muss wieder zurück zur Frage des emotionalen Abreagierens per Tippen.

Also zurück zum Ende der letzten Episode. Ich überlegte etwa von Sonntag bis Freitag vor mich hin, ob ich überhaupt etwas zu seinen Neujahrsgrüßen sagen sollte.

Die Neugier und die Einsamkeit siegten. So wünschte ich ihm ein paar Tage nach seiner Nachricht ein Frohes Neues und fragte, wie es denn so ginge.

Plötzlich kamen seine Antworten schneller als früher. Nur ist mir das mittelweile recht egal.

Er ist anscheinend wieder verfügbar und gelangweilt genug, um mich anzuschreiben und fast darum zu betteln, dass wir uns treffen.

Das tut er auch. Während meines Spaziergangsdates mit jemand anderem.

Das Date ist…..tja, nicht übel – aber auch nicht gerade Wow. Das Gespräch ist in Ordnung, er scheint nicht dumm, nicht unnett, „nicht unattraktiv“ zu sagen wäre jetzt zu viel des Lobs, eher würde ich sagen, ok, ich bin nicht angeekelt, kann man drauf aufbauen. Ich bin jetzt 35, das mit dem Gutaussehen ist eh bald durch. Zumindest für mich. Männer haben da ja oft unfairerweise noch länger was von.

Wie auch immer, der Narzisst bombardiert mich geradezu mit Nachrichten. Nicht unbedingt mit netten Nachrichten, aber mit Nachrichten.

Ich warte eine Weile nachdem ich wieder zuhause bin und antworte – ich wüsste nicht recht, wie er das grad mit dem Abstand halte? Ob er noch viele Leute sehe…..ob er nicht mit dem Fahrrad hierhin kommen könne? Ich halte ihn noch ein paar Stunden hin, dann gebe ich nach.

Er kommt vorbei, was ich eigentlich in meiner neuen Wohnung hatte vermeiden wollen. Stalking-Erfahrungen machen vorsichtig. Also Gestalkt-Werden-Erfahrungen.

Er trifft ein, wir trinken ein paar Bier, ich trinke wahrscheinlich ein bis zwei zu viel davon, weil mir die Situation unangenehm ist. Ich schwadroniere vor mich hin über uninteressantes Zeug. Weiß ich selbst, aber ich finde das alles sehr eigenartig und das macht mich nervös.

Wenn ich jemanden für eine Weile, sagen wir etwa drei Monate, gedatet habe, er mich dann drei Monate oder so nach einem größeren Disput ghostet – und jetzt sitzt er da auf meiner Couch und tut so, als sei nichts gewesen.

Es sei doch schön, sich mal wieder zu sehen, sagt er. Er sei ja auch so wahnsinnig beschäftigt gewesen mit seinem neuen Job jetzt.

Sagt’s und kuschelt sich bei mir an.

Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier und stelle fest, dass ich meine Kapazitäten für total krass erleuchtetes Zentrieren und so schon versoffen habe.

Als ob du mich nicht monatelang geghostet hättest, Asshat? Das liegt mir auf der Zunge aber ich exe ex‘e es mit dem Bier weg.

Jaja, sage ich – wohl etwas zu ironisch, denn er bemerkt den Unterton?

Wie, jaja? Er dreht sich zu mir um.

Ehhhh,,,,,,ja, natürlich, sage ich. Ist doch auch super, dass es mit dem neuen Job so gut funktioniert.

Puh, gerettet. Er ist betrunken und ebenfalls verzweifelt genug, um diesen fadenscheinigen Satz zu schlucken.

Ich schicke ihn spätabends in die Kälte nach Hause, er meint er verstünde das, wenn man am nächsten Tag arbeiten muss und so. Ich bin im Modus Ist-Mir-Doch-Egal und mal wieder schonungslos ehrlich. Das hätte nichts mit meiner Arbeit zu tun, mehr mit Aktion und Reaktion.

Egal, er geht. Ich bin nicht unzufrieden.

Oder doch? Irgendwie bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Nicht zu sagen, was ich denke, löst bei mir Beklemmungen aus. Das kann ich nur in extrem begrenztem Maße. Und so liege ich des Nachts doch immer mal wieder wach und ärgere mich über seine Unverfrorenheit.

Darüber zu reden, hat in diesem Fall jedoch null Sinn. Er ist und bleibt ein versteckter Narzisst und ein verwöhntes Kleinkind.

Ein paar Tage später schreibt er: „Boah, was ne Woche. Wie geht’s dir?“

Ich antworte ein, zwei Tage später, er teilt mit, dass er auf der Arbeit sehr erfolgreich gewesen sei.

Die Antwort zieht sich bei mir wieder etwas hin. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil es mich einfach nicht mehr so interessiert. Nachdem meine Bewunderung ausgeblieben ist auf seine Erfolgsmessage, schreibt er noch am selben Abend: „Aber genug von meinen unwichtigen, nichts zur Sache tuenden Erfolgen. Hahahaah.“

Jetzt tut er mir wieder fast leid und ich schreibe ihm am nächsten Tag, dass es doch toll sei, dass es so gut läuft. Mehr fällt mir auf die Nummer nicht ein. Irgendwie ist das ein Hilfeschrei. Aber ich fühle mich nicht mehr angesprochen.

Versprochen.

2 Kommentare zu „Ein kathartisches Versprechen“

  1. Ich finde das verständlich, dass du dich nochmals getroffen hast mit dem. Vllt auch um dir nochmal vor Augen zu führen, dass es einfach nicht passt. Und in Zeiten von Corona ist Abwechslung auch nicht einfach zu generieren…. bleib stark👏🦾

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