Festgekrallt am Handtuch

War das jetzt das Ende? Wird sich der geneigte Leser jetzt vielleicht fragen. Nein, nein – das Handtuch zu schmeißen wäre der logischste Akt des Universums gewesen, aber ich krallte mich an dem Handtuch fest und ließ mich daran durch die Manege ziehen.

Erstmal war jedoch ein wenig Funkstille angesagt. Den Job für den er sich beworben hatte, hatte er noch im Vorstellungsgespräch abgelehnt. Das teilte er mir eher genervt mit. Ich fragte wieso. Dann kam nichts mehr, für über ne Woche oder so.

Dann meldet er sich und tut als sei nichts gewesen. Ok, denke ich. Go with the flow.

Er ruft sogar an. Er hat ein Probearbeiten. Er muss von jetzt (Donnerstagmittag) bis Sonntagabend einen Artikel schreiben.

Super, sage ich, wünsche ihm viel Erfolg und so. Und schade, sage ich, dann kannst du ja morgen wohl eher nicht – wir wollten ja nochmal zum See fahren.

Nicht, dass wir das für den Tag geplant hatten wirklich, wir hatten nur mal gesagt, bei schönem Wetter nochmal zum See zu fahren und wenn möglich sogar mal unter der Woche. Nun konnte ich mal unter der Woche und er nicht. Alanis Morisette approves.

Aber da hatte ich mich wieder zu weit aus dem Fenster gelehnt. 3….2…1…..es war wieder Drama angesagt.

Wie ich das denn jetzt sagen könnte? Ich wüsste doch, dass er arbeiten müsste?

Eh……ja, weiß ich. Das habe ich ja selbst eben gesagt.

Ich entschuldige mich und sage, das sei doch nur so daher gesagt etc.

Aber ich hätte mich doch gefreut, wenn er jetzt gesagt hätte wir fahren zum See? Ja, hätte ich. Bin ich aber nicht im geringsten von ausgegangen.

Nun, hin und her – er regt sich weiter auf, wir kriegen aber irgendwie die Kurve, wir legen auf.

Das sei doch jetzt wieder so eine Egonummer gewesen von mir wie am letzten Wochenende, als ich darauf bestand, zum See zu fahren, schreibt er mir dann.

Aber er müsse jetzt arbeiten und ich solle ihn in Ruhe lassen.

Nope. Nicht mehr. Jetzt ist das Maß voll.

Dass er mir nicht sowas an den Kopf knallen könne und dann tagelang den eigenen Schädel in den Sand stecken, sage ich ihm. Das will ich jetzt besprechen.

Er dreht wieder am Rad. Das sei ja wohl die Höhe, dass ich jetzt ein Telefongespräch verlange. Er müsse doch seinen Artikel „recherchieren“ (d.h., Serien gucken bei ihm).

Er ruft dann an, nur um zu sagen, dass er das jetzt nicht bereden wolle. Er muss doch arbeiten.

Alle seine Freunde hätten ihm einfach nur Glück gewünscht fürs Probearbeiten. Einfach positive Vibes und so.

Vielleicht bist du ja zu deinen Freunden auch netter gewesen als zu mir, wende ich ein.

DAS fände er jetzt aber alles wirklich nicht nett von mir. Ihn so aufzuregen, wo er doch probearbeiten müsste.

Honestly, einen Text in vier Tagen – das kann ich machen, wenn ich mir beide Arme auf den Rücken binde und mit der Nase tippe. Aber gut, ich mache das ja auch beruflich. So mit Geldverdienen und so.

Dass ich ihm am Ende für dieses Problemgespräch also ne halbe Stunde gestohlen habe, fand ich legitim. Er nicht so.

Er hat sich so dermaßen aufgeregt, dass – als ich Wochen später (in denen wir auch mal wieder schöne Tage hatten) die berühmte Frage nach Exklusivität stelle – einfach gar nichts sagt.

Also: NADA. NIENTE. GAR NICHTS.

Er wolle jetzt nicht stundenlang diskutieren. Ok, war mir nicht klar. Das ist ja eine einfache Ja, Nein oder „Ich weiß es noch nicht“-Frage.

Viel mehr hatte ich eigentlich nicht erwartet. Eigentlich hatte ich eher mit einem NEIN gerechnet – dass er so viele andere Sachen auf der Pfanne habe, einfach nicht bereit sei, die Gefühle einfach nicht – blabla, alles schon tausend Mal gehört.

Aber dann wäre es mir leichter gefallen, mal von diesem Handtuch abzulassen.

Turns out, das war natürlich wieder zu viel erwartet.

Stattdessen müssten wir mal über den Tag reden, als ich mich erdreistete, ihm dieses Problemgespräch aufzuzwingen, wo er doch arbeiten musste.

Wir diskutieren darüber, wie mir nach dem ganzen Scheiß der letzten Zeit der Geduldsfaden gerissen ist. Ich der Meinung war, dass ich mich immer wieder zurückgenommen habe, um seinen Befindlichkeiten entgegen zu kommen und irgendwann war dann gut.

Und was war überhaupt da los, als er mich doch „gebeten“ hatte, mich zwei Tage nicht zu melden, vor dem Vorstellungsgespräch? Da sei er doch „gar nicht nett“ zu mir gewesen und er hätte irgendwie erwartet, dass ich sauer wäre? Und mich dann länger nicht melde? Stattdessen hatte ich an Tag drei doch gefragt, wie es gelaufen sei.

Ich war auch sauer. Nur hat es mich trotzdem interessiert, wie sein Vorstellungsgespräch war.

Das sei ja irgendwie cool, sagt er. Aber er habe sich doch eigentlich gewünscht, dass ich mich länger nicht melde. AHA. Gut, mal wieder so ein Wunsch, den ich erraten soll.

Ich ignoriere eher weniger, wenn ich sauer bin. Ich will dann die Dinge ausfechten. Mich also sauer zu machen, damit ich gar nichts mehr sage, funktioniert generell weniger gut.

Wir diskutieren am Ende zwei Stunden. Ich sage immer mal wieder zwischendurch, hey, du wolltest doch nicht so lange diskutieren jetzt – ich fahr mal besser.

Nein, das meinte er ja auch so nicht.

Wir könnten da ja jetzt mal einen Deckel drauf machen, meint er.

Es ist Sonntagabend, halb zwei Uhr nachts und ich fahre dann doch nach Hause.

In den nächsten drei Wochen werde ich von morgens bis abends ständig mit meinem Umzug beschäftigt sein. Ist schon klar, dass wir uns da eher nicht sehen.

Da könnte man ja besser über die Dinge nachdenken, meint er.

Nun, ich denke langsam, dass dieses Handtuch zu stinken anfängt.

5 Kommentare zu „Festgekrallt am Handtuch“

  1. Ich weiß, wie es ist, sich nicht nir an stinkenden, sondern auch noch verrotenden Handtüchern fest zu halten. Ich wünsche Dir, daß Du es irgendwann los lassen kannst.

    Herzliche Grüße,

    Emily

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