Die hässliche Seite des Lockdowns

Kann man wirklich den Lockdown für alles verantwortlich machen? Oh ja, ich hab gestern halt wieder etwas zu viel getrunken – ist ja Lockdown. Ach, Sport? Ne, ist ja Lockdown. Oh ja, ich hab meinen Selbstwert jetzt gegen etwas Gesellschaft von dem Narzissten eingetauscht. Ist ja Lockdown.

Kann man nicht. Das folgende Thema besteht aus zwei paar Schuhen: Dem Geständnis, dass ich mich wieder mit dem Narzissten getroffen habe (zum zweiten Mal) und der Frage, warum.

Fotos sind für mich der größte Horror

Ich muss ebenso gestehen, dass ich dem Narzissten wieder mehr abgewinnen kann. Im Sinne von – ich schaue ihn von der Seite an und denke, scheiße, er sieht einfach so gut aus, er hat so volles Haar und so….lassen wir das.

Anyhow, ich muss mich vorsehen dabei, mit diesem Tanz auf dem Vulkan. Ich hab noch nie gut tanzen können.

Es könnte also gefährlich werden, diese Nummer. Und es trifft zusammen mit einer anderen Nummer, die mich gerade beschäftigt hat. Ich quatschte mit meinem Nachbarn übers Dating.

Er ist auch Single und scheint viel Auswahl zu haben. Er hat ständig Dates – aber scheint oft an seinen Ansprüchen zu scheitern. In jedem Fall hat er viele Optionen. Ich sagte also zu ihm, dass ich das nicht hätte. Und ich überhaupt kaum jemanden fände, der mich daten würde. Nicht jetzt für ein erstes Date, erste Dates und Online-Interessierte gibt es reichlich. Aber nicht fürs „daten“ im Sinne von öfter mal treffen.

Natürlich habe ich irgendwie ein paar Rest-Ansprüche, aber ich habe schon lange versucht, die auf ein Minimum nach unten zu schrauben.

Was auch öfter dazu geführt hat, dass meine innere Stimme mich heftigst überreden musste, michmit einem Typen zu treffen und mir immer wieder seine guten Seiten vor Augen zu halten.

Also: Nun gut, er ist nicht so attraktiv, nicht so gebildet und schlau, aber er ist so nett…..und wenn ich mich dann überzeugt habe, dass das doch ein toller Mensch ist – werde ich abgesägt.

Das sind die wenigen, die sich überhaupt mit mir treffen. Die ich meist nicht von Anfang an interessant fand. Meist auch nicht gerade attraktiv.

Die meisten – gute 99% – wollen von Anfang an mich nicht daten. Und das Gespräch mit meinem Nachbarn endete damit, dass er mir helfen wollte, dieses Problem zu lösen.

Er bot mir ein Makeover an. Queer-Eye-Style. Nein, er ist kein Friseur oder Innenarchitekt, er ist „nur“ schwul. (Nicht despektierlich gemeint at all, ich wunderte mich nur über sein Angebot, da er beruflich was mit Computern macht)

Er hat auch viel Geschmack, aber die Sache ging ziemlich nach hinten los.

Denn das triggerte mein eigentliches Problem.

Er inspizierte mein OkCupid-Profil und verzog die Augenbrauen: Die Fotos sehen sehr alt aus und überhaupt nicht nach dir.

WAS? Ich zucke zusammen. Es sind ein paar alte dabei, die neuesten sind vom letzten Herbst und letzten Sommer. Ich finde nicht, dass ich seitdem krass gealtert bin.

Aber seine Aussage bestätigte meinen Verdacht. Wenn ich ein Fotogesicht mache, sieht mein Gesicht ganz anders aus. Fotogesicht – die Leute sagen immer Duckface, aber das ist es nicht ganz.

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe nie freiwillig in den Spiegel geguckt, ohne dieses Fotogesicht zu machen. Könnte mich nicht dran erinnern, dass ich das jemals hätte. Weil mein Gesicht einfach hässlich ist. Also, außergewöhnlich hässlich. Nicht nur im Sinne von, naja, nicht Angelina Jolie, nein, richtig richtig hässlich.

Dieser Vergleich ist so richtig gemein, I know, aber die untere Hälfte meines Gesichts sieht aus wie Angela Merkel vor 30 Jahren. Nun, nicht mal wirklich das – denn damals guckten nicht mal ihre Mundwinkel so sehr nach unten wie meine.

Das tun sie einfach, ohne, dass ich die Mine verziehe. Ich hab zwar nicht so viele Falten, aber das Grundkonzept könnt ihr euch dann wohl vorstellen.

Tja, und was tue ich damit? Nicht viel. Mich hinter meinen ziemlich tollen Haaren verstecken, um mal was Positives zu sagen.

Ansonsten immer das Fotogesicht machen, auf Fotos, vor Spiegeln, wenn ich auch nur an einer spiegelnden Oberfläche vorbeilaufe, immer. Ich konnte es niemals ertragen und werde das auch wohl nie ertragen können, wie ich aussehe.

Und bevor jetzt alle ihre Taschenbuch-Ausgabe von „Psychische Macken 101“ rauskramen: Lasst mal locker. Weiß ich alles. Hilft aber nichts. Es ist nicht die erste Therapie, die ich mache.

Es ist nicht so, als ob mir seitdem ich denken kann, alle guten Freunde sagen, das stimme nicht. Ich habe es noch nie geglaubt.

Und manchmal verraten sich selbst die und sprechen über Freundin XY, die ja ähnlich wie ich mehr eine gute Figur und eine Hackfresse habe (das ist jetzt natürlich paraphrasiert).

Ganz ehrlich: Bis mir meine beste Freundin vor mmh, sagen wir sieben, acht Jahren, versuchte, das Fotogesicht auszureden, hatte ich KOMPLETT verdrängt, wie ich eigentlich aussehe. Ich ging also quasi fest davon aus, dass das Fotogesicht mein Gesicht ist. Und dass ich also gut aussehe.

Erst wenn mich dann jemand darauf aufmerksam machte, oder mich mit einem echten Foto kalt erwischte, brach die Realität herein und ich konnte wochen- und monatelang depressiv sein, bis ich das Problem wieder gekonnt verdrängte.

Meine Freunde wissen nicht, wie sie mir das ausreden sollen, meine Therapeutin auch nicht. Ich selbst auch nicht. Ich habe viele Fortschritte dabei gemacht, nicht mehr vollkommen ungezügelt negativ zu denken und mir nichts, dir nichts, immer wieder in Depressionen zu versinken, aber das? No way, Jose.

Ich sehe keinen Weg, um das Problem zu lösen. Außer mit physischer Veränderung.

Letztes Frühjahr war ich wieder bei einem Schönheitschirurgen und wollte das Problem endgültig beseitigen. Ich habe wahnsinnig Schiss davor und günstig ist auch anders, aber gut. Es schränkt mein Leben wirklich massiv ein. Das Problem an der Problemlösung ist, dass niemand weiß, ob es wirklich helfen wird. Also ob es mir hinterher besser gefällt. Könnte es denn aber schlimmer sein? Nicht wirklich, denke ich. Mir ist aber klar, dass das nicht stimmt. Ich könnte auch wirklich auffällig entstellt sein hinterher.

Kurz nach meinem Beratungstermin war ich fest entschlossen, ein Fadenlifting machen zu lassen. Dann traf ich den Narzissten. Und für den Moment war wieder erstmal alles gut. Denn am Ende ist es ja egal, ob ich mich hässlich finde, oder? Hauptsache jemand, mit dem ich mir Körperkontakt vorstellen könnte, findet das nicht.

Mein Nachbar hatte für dieses Phänomen übrigens wenig Verständnis. Er wollte mein Problem mit einem neuen Haarschnitt, einer helleren Haarfarbe, neuen Klamotten, einer neuen Brille, anderer Hautpflege und weißeren Zähnen lösen.

Willst du mir jetzt sagen, ich bin nicht nur hässlich, sondern meine Haare haben auch schon zu viel grau (nur einzelne Haare mal, aber es ist da), meine Zähne sind zu dunkel, meine Brille ist scheiße?

Nicht, dass ich meine Brille jemals zu einem Date anziehen würde. Bin doch nicht irre. Aber grundsätzlich ist sie schön.

Lol, das war jetzt am Ende das Gegenteil von Helfen. Verschlimmbessert deluxe.

Die Fortschritte in meinem Kopf waren sicherlich hilfreich dagegen. Ist eine Beziehung das, was alles für mich in Ordnung bringen wird? Ganz bestimmt nicht.

Kann jetzt noch jahrelang daran arbeiten, dass es mir am Arsch vorbei geht. Nein, dass ich das noch besser aushalte, wenn meine innere Stimme mir sagt, wie hässlich und unlovable ich bin. Da bin ich schon sehr viel besser drin geworden. Einfach zurücklehnen und Abstand davon gewinne. Haha, einfach.

Nun, aber was ich auch könnte ist, beides gleichzeitig probieren. Ich kann versuchen, mich besser von schlechten Gedanken zu distanzieren. Und gleichzeitig schauen, was passiert – ob ich sie dann nicht mehr hätte?

Die Leute haben mir auch immer gesagt, wenn ich mal ne vernünftige Beziehung hätte, wären meine Probleme nicht einfach wie weggefegt. Well, 2019 proved you wrong, bitches. Das war nicht die gleiche Marla. Keine Depressionen, keine Zigaretten, ganz anderer Mensch.

Natürlich ist sowas nie von Dauer. Kann es auch nicht sein. Aber am Ende kommt es auf einen Versuch an. Entweder ich behebe das Problem und fühle mich besser, wenn ich in den Spiegel gucke, oder ich fühle mich noch hässlicher – aber mein Gott, ich kann ja so schon kaum jemandem ins Auge schauen, wenn ich darüber nachdenke, wie mein Gesicht aussieht.

Eines der größten Probleme an Corona ist für mich nicht die Isolation, es ist, immer wieder meine Fresse im Zoom-Call zu sehen.

Und seit dem Gespräch mit meinem Nachbarn auch noch die Frage, ob ich überhaupt online-daten sollte, wenn mich auf Fotos keiner erkennen kann. Die tausenden von Likes für mein Profil werden doch nur enttäuscht sein, wenn sie mich in echt sehen.

So. Entschieden. Scheiß auf die Altersvorsorge. Wenn die Infektionszahlen runter gehen, geht es für mich ab zum Doktor. Wünscht mir Glück.

8 Kommentare zu „Die hässliche Seite des Lockdowns“

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