Was zuvor geschah…

Jede gute Helden- oder Antiheldengeschichte hat heutzutage ja ein Prequel. Man kann darüber streiten, ob das sein muss – ja ich meine euch, Episode 1-3 – aber irgendwie ist Kontext doch meist von Vorteil. Ich hab zuletzt viel darüber nachgedacht, was mich eigentlich zu diesem hervorragend zynischen Wesen gemacht hat, das gerade seinen Gin trinkt.

Ich muss wohl darauf gekommen sein, weil ich meinen ersten Freund googelte. Nicht, weil ich ihm im üblichen Sinne nachweine, sondern weil ich gern irgendwo in diesem Internet ein Bild von ihm finden würde, damit ich denken könnte: Oh gut, der lebt ja doch noch.

(Hier könnte Ihre „Triggerwarnung: Selbstmord“ stehen – nein, ist keine originäre Geschichte über Suizid, aber er kommt darin vor)

                                                        

A. war in meine Grundschulklasse neu dazugekommen und wurde von allen gemobbt.

Ich weiß noch, dass ich mal gesagt habe, hört auf damit, das ist gemein – aber ganz ehrlich, mein 10-jähriges Ich war nicht besonders durchsetzungsfähig.

Fast forward fünf Jahre. Ich versuche gerade einen eigenwilligen „Nicht-so-richtig-Goth-aber-ich-trage-nur-schwarz-bin-depressiv-und-hab-kurze-rote-schwarze-blaue-Haare-Stil“ und A. ist einer von den wenigen Metal-Typen in meiner Stufe.

Ich bin entzückt und verknallt. Man trägt mir zu, A. fände mich auch super – wir sind ein paar Wochen „zusammen“.

Wir hängen ab, machen auf dem Schulhof rum, was man so macht mit 15.

Was ich immer dachte, das dann folgen würde, nämlich mein erstes Mal, passiert allerdings nicht.

Das lehnt er ab und macht Schluss – seine Mutter würde immer wissen wollen, was er macht und ich sei ja nicht gerade der Typ, den er ihr heim bringen könnte. Bitte, was?

Ich mein, ok, die Frisur und der gesamte Style waren jetzt gewöhnungsbedürftig, aber um die Zeit hab ich noch nicht mal geraucht oder getrunken. War immer noch eine ansonsten ziemlich brave Einser-Schülerin. Wo ist also das Problem?

Klar, jeder hat in dem Alter seinen Herzschmerz usw. aber das traf mich hart, weil es meine Komplexe nährte. Wieso schlägt ein 15-jähriger Junge (oder war er schon 16, weiß nicht mehr) Sex quasi aus?

Dass er vielleicht A – einfach saudepressiv war – B – überhaupt nicht auf mich stand, sondern nur geschmeichelt war, dass ich auf ihn stand – C – insgesamt verwirrt gewesen sein könnte über seine Sexualität, Geschlecht, was weiß ich nicht – solche Gedanken kamen mir mit 15 eher nicht.

Der Fall war also klar, mit mir musste irgendwas nicht stimmen.

Der Grundstein war gelegt für die nächste Episode, die denn mit einem Familienbesuch im Restaurant begann. Heutzutage würde man den Kellner vor Gericht zerren, der mir eine Visitenkarte mit seiner Nummer zuschob und mich zu sich nach Hause einlud.

Well, er sagte er war 29, aber heute, mit 35 – bin ich mir doch recht sicher, dass das ein Euphemismus war.

Dummerweise nur ging mein naives, 15-jähriges Ich darauf ein, weil mich halt mal jemand gut fand.

Er machte im letzten Moment einen Rückzieher. Im allerletzten.

Als Erwachsene heute würde ich sagen, dass das natürlich besser so war. Ja – und nein.

Denn besonders gut für mein Selbstbild war das dann auch nicht.

Am Ende fühlte ich mich so schlecht, dass ich relativ fix darauf einging, als mir im Sprachurlaub mit 16 ein niedlicher, 23-jähriger Typ Avancen machte.

Grundsätzlich wenig romantisch und so, aber auch nicht übel.

Dumm nur, dass er mir ein paar Tage danach sagte, er hätte die andere Tussi im Sprachkurs bevorzugt, aber die sei zu hübsch für ihn gewesen. Bäm….

Und kurz danach etwas sagte, das mich aufhorchen und fragen ließ: Was, hast du ne Freundin etwa?

Er hatte zwei. Und mich im Urlaub halt.

Danach hatte ich auch erstmal den Kaffee halt und für die nächsten gut fünf Jahre passierte gar nichts. Ich stolzierte auf fiesen hohen Schuhen und in kurzen Röcken durch die Clubs und well, meine Freundinnen mussten teilweise eine Fliegenklatsche mitnehmen, um Männer abzuwehren und ich, well, ich war auch da.

Mit grad 21 kam dann der Stalker um die Ecke – hier bereits erwähnt.

Nachdem ich mich anderthalb Jahre später meine erste Beziehung vor Gericht beendet hatte, stolperte ich über die „Schulter-zum-Ausweinen-Nummer“ ganz fix in so eine Semi-Beziehung mit einem schlanke 22 Jahre älteren Arbeitskollegen.

Warum semi? Weil er Monogamie wollte, aber sonst, naja, außer der Schulter zum ausweinen und dem weisen Orakel für alle meine Lebensfragen nicht sehr viel anbot.

Wir hatten viel Kontakt über Text, ansonsten kam er vielleicht alle zwei Wochen mal vorbei und blieb nie bis morgens.

Wenn ich am Anfang so absurde Forderungen stellte wie, lass doch Freitag was machen, ging der Fluchtmodus los und ich wurde mit längerer Abstinenz „bestraft“. Ein Katz-und-Maus-Spiel, das ich auch erst Jahre später verstanden habe, als mir klar wurde, was dieser Person im Leben zugestoßen war und warum er nie anders konnte und sich selbst als „Soziopathen“ bezeichnete.

Übrigens: Seine Traumfrau war Milla Jovovich in Johanna von Orleans – Typ sehr dünn und eher burschikos also. Ich war in der Zeit im Auslandssemester in Spanien und er teilte mir mit, dass ich ihm mit den fünf da hinzugewonnen Kilos eigentlich „zu weiblich“ sei.

Doch davon lösen konnte ich mich erst, als ich mit 25 für meinen ersten Job wegzog. Darauf folgten acht lange Jahre Online-Dating-Hölle, sprich Dauersingle-Dasein.

Ein Date, Funktstille, ein Date, Funkstille, ein Date – wtf – immer das Gleiche eigentlich.

Ich hab immer so mein Ding gemacht, mit dem Job, den Freunden und den Reisen – aber das Thema hat mich auch nie losgelassen. Es müsste doch mal irgendwie besser werden? Kann doch nicht, ich mein, am Ende MUSS es doch an mir liegen? Ich würde nie behaupten, dass es das nicht auch oft getan hat – ich bin meist aus meiner Historie der Fehltritte zu unentspannt an die Sache rangegangen und habe noch mehr Fehltritte provoziert. Aber auch nicht jeder meiner Freunde und Bekannten in Langzeitbeziehungen ist jetzt so ein Ass in sowas.

Vielleicht haben die einen einfach Glück und die einen einfach weniger davon? Über alles andere in meinem Leben kann ich mich echt nicht beschweren, hätte sich ein bisschen mehr verteilen können vielleicht.

Man sollte meinen, wenn es eine Frage von Glück oder Pech ist, müsste irgendwann der Zufall mal zuschlagen. Das tat er dann mal, als ich in Sri Lanka abends am Strand eine mediocre Pasta vertilgt hatte und ein Bier trank und mit Händen und Füßen versuchte, die Beach Boys abzuwehren.

Erstaunlich, wie doll der eigene Sex-Appeal steigt, wenn man als Erst-Weltler in ein Land fährt, wo die Menschen nicht so viel haben. Viel erstaunlicher noch, wie Männer auf sowas abfahren können.

Anywho, ich fühlte mich bedrängt beim Bier-Trinken und Meer angucken und wollte schon fast gehen. An der Theke saß jedoch ein Touri, der eigentlich sehr meinem Beuteschema entsprach und mich anguckte – aber der nichts tat.

Am Ende fing ich dann an, mit ihm zu reden und wir endeten in einer neun Monate währenden Fernbeziehung zwischen Wien und Berlin. Ich hatte erst so meine Zweifel, auch wegen der Distanz – und weil ich den ersten Schritt gemacht hatte (das allein ist ein Problem für mich) aber als ich dann vollends überzeugt war, dass so nette Menschen halt nicht auf Bäumen wachsen – hatte er genug.

Das ist dann im Januar wieder zwei Jahre her. Und der Online-Dating-Reigen geht seitdem weiter, wie ihr wisst. Ich bin in vielem gelassener geworden, vieles ist einfacher als früher – aber manches auch nicht. Was mich manchmal wundert, da ich denke, ich müsste es jetzt raushaben.

Manche Sachen triggern mich trotzdem stärker, als sie es sollten und das mag vielleicht daran liegen, dass mein eigener Vater immer noch den Rekord darin hält, mich zu ghosten – aber bringt mir auch als Erkenntnis bisher wenig.

Viel zu wenig Erkenntnis habe ich am Ende darüber, ob die Dinge stimmen, die mir über A. zugetragen wurden. Ich weiß noch, er hatte mal erzählt, er könne ja Pilot werden. Ich weiß nicht, ob er das je versucht hat. Bei einem Klassentreffen 10 Jahre nach dem Abi sagte man mir, A. habe sich mit Anfang 20 umgebracht.

Ich weiß nicht, ob das stimmt – wer denkt sich sowas aus? Aber manchmal denke ich daran, und es macht mich doch sehr traurig, obwohl ich ihn ja am Ende nicht wirklich kannte.

Dann google ich seinen Namen und habe wieder null Hits und denke kurzzeitig, er hält sich vielleicht aus den sozialen Medien einfach raus.

Und dann fällt mir wieder ein, dass ich doch eigentlich zynisch bin.

2 Kommentare zu „Was zuvor geschah…“

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