Tinder, Twitter – Tumbe Anmachen

Bisher hielt ich ja #Tinder schon für das Sammelbecken der geistig schlecht Bestückten und anderweitig wenig Ausgelasteten. Ich musste mich bei Twitter eines Besseren belehren lassen. Denn schlimmer geht bekanntlich immer.

Können wir vorher aber kurz eine Schweigeminute einlegen, für die schönen und großartigen Männer, die mit fürchterlichen Vorurteilen zu kämpfen haben?

Frauen meinen dann nämlich immer, sie sind Arschlöcher – dabei sind sie einfach nur ehrlich. Was soll ich sagen, Adonis – der Grat zwischen Ehrlichkeit und Respektlosigkeit ist anscheinend ein schmaler. Und wenn du ansonsten wahrscheinlich auch alles kannst, ist dieser Seiltanz einfach missglückt.

Es begann mit einem Fehler meinerseits – dem Test, ein (kopfloses) Selfie von mir zu posten auf Twitter.

Eigentlich wollte ich schauen, ob das mehr Reaktionen bekommt als Geschriebenes. Sicherlich keine steile, sprich schwer zu belegende These.

Es kam, wie es kommen musste. So ein Bild bekommt mehr Aufmerksamkeit, dafür muss man als Frau nicht viel tun und auch nicht besonders toll aussehen.

Gut, die Aufmerksamkeit erhöhte sich, aber hielt sich in Grenzen – doch ein Großaccount-User fing an, mir zu schreiben.

Er möge das Outfit, dass ich da zur Schau stelle.

Danke, sage ich.

Das mache ihn an, ob das zu ehrlich sei?

Ich könne mit ehrlich umgehen, sage ich. Und den Großteil seiner Twitter-Persönlichkeit fand ich durchaus sympathisch – also dachte ich, mal gucken.

Aber irgendwie erinnere mich das an einen für mich kryptischen und irgendwie widerlichen Tweet vor einiger Zeit. Darin stellte er einen Zusammenhang zwischen Möhrensaft auf der Tastatur und der Frage, warum „Frauen lieber ohne Gummi gebumst werden wollten“ her.

Like, wtf? Ich hab die Analogie immer noch nicht verstanden – oder warum vergleicht man weibliche Geschlechtsorgane mit der Tastatur?

Ich spreche ihn darauf an und frage, ob er mich da erleuchten könne.

Es ginge um Sperma, sagt er. (Echt jetzt, Captain Obvious?)

Ob mich das geil gemacht hätte?

Nein, mich hätte das Bild eher verstört, sage ich.

Wir tauschen trotzdem noch Gesichtsbilder aus, ich frage mich kurzzeitig, ob ich ihm den Zugang zu meiner Cloud geschickt habe statt eines Bilds.

Was er denn da hätte sehen könne, Nackiges?

Auch, sage ich – aber größtenteils will ich auch nicht mein ganzes Leben in Fotos mit dir teilen, fremder Mann.

Ich versuche die Konversation etwas vom Möhrensaft und Co. Wegzulenken, bin aber wenig erfolgreich.

Er fände Brillen bei Frauen heiß, sagt er – aber es ginge zur Not auch ohne, wenn Busen, Beine, Po stimmen.

Wenn er mal 30 Sekunden nicht anzüglich wäre, hätte er größere Erfolgschancen, sage ich ihm.

Bzw. die hätte er haben können bei mir.

Ob er sich klar sei, dass er mit irgendwie ner netteren Art hier weitergekommen wäre, frage ich ihn?

Also mal ein, zwei Sätze auszutauschen, die sich nicht in „Lass ficken“ übersetzen, ist eindeutig hilfreich.

Achso, um mich ins Bett zu bekommen, müsste er wohl „lieb“ und „passend“ sein, sagt er.

Von Twitter hätte er sonst nie jemanden getroffen sagt er auf meine Frage, ob das hier so sein Ding sei. Und auch so Online-Dating mache er nicht.

Merkt man, sage ich.

Ich sei wohl vorlaut, sage ich.

Eine vorlaute Schnute könne er stopfen.

Und bevor ich anfänge zu schnattern: Das sei ein Penis-in-meinem-Mund-Witz.

Ich solle nicht gleich alle Männer in eine Schublade stecken, es seien nicht alle Arschlöcher. Außer ihm, natürlich.

Wieso er sich denn da ausnimmt?

Weil die Frauen ihn aufgrund seines Aussehens und seiner Texte immer dafür hielten.

Kann ich mir gar nicht erklären, sage ich.

Den Vorschlag des Nett-Seins findet er auf jeden Fall unerhört und setzt es mit Lügen gleich.

Wie ich denn auf die Idee käme, dass er mich gut finden würde, fragt er? Woher Frauen immer das Selbstbewusstsein dafür nähmen, sei ihm schleierhaft.

Ja wieso eigentlich? Ich mein, wer hat hier was von wem gewollt? Ich bin verwirrt.

Warum er denn dann habe vögeln wolle, frage ich.

Warum auch nicht? Sagt er….

Es würde helfen, wenn ich nicht so verdammt unentspannt sei, fügt er hinzu.

Und er wolle gern nochmal in Gelächter ausbrechen. Was wäre denn der Dosenöffner gewesen? Wo er denn hätte lügen müssen, damit ich feucht werde?

Ich habe ihn an dieser Stelle blockiert. Aber wenn du nochmal in Gelächter ausbrechen möchtest, ich erkläre es gern.

Wenn eine Frau auf ein „Lass vögeln“ mit Widerworten antwortet – die ihm seiner Aussage nach „sackegal“ sind – dann ist die korrekte Antwort an der Stelle sowas wie: Ja ok, dann nicht – schönes Leben noch.

Mir an der Stelle vorzuwerfen, dass ich eh quasi frigide bin und keinen Spaß verstehe. Das ist so 1960er. Ich mein, was ist das hier, Mad Men?

Denken die Leute dann, die Frau wird sagen: Du hast Recht, ich bin ein Nichts! Nimm mich!

Man fragt sich also, wo die Vorurteile immer herkommen, die dem geneigten middle-aged Mann im Internet so passieren.

Es stimmt auch, ich kann unentspannt sein – manchmal bin ich das, manchmal bin ich das nicht. Wie das kommt? Weil ich ein Mensch bin.

Und der „Dosenöffner“ ist und bleibt, mich wie ein solcher zu behandeln.

Selbst auf Twitter.

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