Geh Forrest, geh! – Aber nicht auf ein(em) Date

Ich gehe ja gern. Echt jetzt. Ich gehe viel und gern zu allen Orten. Mindestens die üblichen 10.000 Schritte am Tag, gute 7 km für mich. Feini, fein, denkt ihr jetzt, aber wen interessiert das?

Ich komme drauf, weil Corona uns neben den altbekannten Problemen auch noch diese Seuche gebracht hat: das Spaziergangsdate.

Und was soll ich sagen, ich kann gehen, ich kann mich glaub ich ganz gut unterhalten, aber beides zusammen? Spaziergangsdates funktionieren nicht.

Grob überschlagen hatte ich seit dem Narzissten mmhh, ein Dutzend Spaziergangsdates. Und eins war nicht schlecht. Er sagte lass mal wieder treffen, ich so: Ja gerne. Dann sprachen wir nie wieder miteinander.

Meist ist es eben genauso: Ganz ok, man redet irgendwie, man läuft. Eh, geht. Dann geht man heim.

Und meist denke ich, dass ich mit einem Podcast oder einem Hörbuch beim Spazierengehen weniger meine Zeit verschwendet hätte.

Man geht quasi nur nebeneinander. Nicht irgendwohin. Nicht zusammen.

Zwischendurch habe ich gedacht, ich muss einfach besser werden im Gehen-und-dabei-Augenkontakt-halten. Oder im Nicht-nach-dem-Date-zu-schnell-das-Weite-suchen – weil die Abschiede immer komisch werden.

Zuletzt hatte ich aber einfach zwei komplett so verschissene Spaziergangsdates, dass ich gar nicht mehr wusste, was das jetzt eigentlich soll.

Den einen traf ich kurz bevor ich nach Hause wollte, die Family besuchen. Ich komme etwas abgehetzt an, er will mich umarmen.

Er möge mir doch bitte da n Moment geben, sage ich – ich stehe kurz vor dem Familienbesuch und würde es gern fürs Erste ziemlich kontaktlos belassen.

Er ist irritiert – kann ich verstehen. Ich hole weiter aus und versuche zu erklären, dass nein – ist vielleicht nicht komplett rational und so, aber sämtliche Familie zwar geimpft, aber Hoch-Hoch-Hochrisiko und ich krieg es grad noch nicht auf die Kette.

Perfekter Moment, um jetzt mit Empathie zu glänzen. Den verpasst er. Nungut, er findet mich komisch. Kann ich ihm in dem Moment noch nicht mal ganz verdenken, ist vielleicht auch irre.

Aber nach den vielen Monaten der Isolation, ich krieg es grad noch nicht hin.

Wir gehen also. Und unterhalten uns.

Er spricht mich als eine der ersten Sachen auf meinen Job an. Mmm ja, den mag ich nur bedingt – ist ein anderes Thema, eine längere G‘schicht. Und die Gründe sind vielfältig, haben teilweise mit dem Journalismus zu tun, teilweise mit der Firma, aber teilweise auch einfach mit mir selbst.

Womit meine komplizierte Beziehung zum Journalismus nur wenig zu tun hat, sind die ganzen Theorien über gleichgeschaltete Medien und Fake News.

Ihr seht, wo das jetzt hingeht, oder? Der Herr fühlte sich von den Medien verarscht – zum Beispiel, weil ihn der Spiegel nicht wirklich darüber informiert hat, dass das generische Maskulinum abgeschafft wurde.

Mein Blick wandert kurz auf seine Hose und ich frage mich, was das jetzt mit ihm gemacht hat. So, körperlich. Seelisch. Emotional.

Ich finde gendern nicht unsinnvoll, aber würde es den Leuten auch freistellen, das so zu machen, wie sie wollen. Interessant, wird es erst, wenn Männer sich davon schon bedroht fühlen.

Spricht irgendwie nicht für ein intaktes Verhältnis zu sich, zu Frauen, zu allem? Nungut, das Maskulinum versuche ich als Thema irgendwie abzuschließen und wir drehen weiter unsere Runden durch den Park.

Zu Corona hat er auch noch einiges zu sagen, er belehrt mich über meine irrationalen Ängste. Da meine Familie ja geimpft sei und für mich doch harmlos etc.

Ja gut, aber Ängste funktionieren anders.

Wir drehen weiter die Runde. Reden übers Reisen. Sollte ein Safe Topic sein, da wir anscheinend beide weit rumgekommen sind.

Er hält n Vortrag über seine besten Erlebnisse, ich höre zu. Und gehe.

Ich hab‘ mich selten so stinklangweilig über ein für mich interessantes Thema „unterhalten“.

Aber ist halt schwierig, wenn jemand einfach so viel besser Bescheid weiß als man selbst – über alles.

Das war dann das.

Danach traf ich mich mit jemandem, der recht wenig in seinem Profil stehen hatte. Aber nun ja, das Wetter war gut und sein Profilname war Josef K. Und das ist so’n Scheiß, da kriegt man mich easy mit, weil ich bin halt ein Buch-Nerd. (Wenn ihr das nicht kennt‘, well, dann lest halt mal n Buch, Kulturbanausen)

Gut, das mit der Halb-Umarmung zu Beginn kriege ich jetzt schon besser hin, selbst ich bin lernfähig.

Man spaziert. Und eigentlich ist es erstmal ganz cool und nicht uninteressant.

Nach ungefähr 15 Minuten sagt er, ich würde ganz töfte aussehen, sagte er – danke, sage ich.

Nach circa. 40 Minuten versucht er krampfhaft, mich in eine eher abgeschiedenere Ecke des Parks zu locken.

Ne, keine Angst jetzt, ich bin da kein Schisshasse – vor allem, bin ich halt groß und nicht so leicht zu kidnappen.

Außerdem stand ihm die Intention in den Augen wie eine Leuchtreklame.

Ich wehre ab und laufe stur mit Abstand.

Er bleibt stehen und zettelt ein „guck mal da“ an – lol, ich hab schon gemerkt, dass ich DA hinkommen soll, tu ich aber nicht, danke.

Kurz danach bleibt er einfach auf dem Weg stehen und fängt an, mich zu küssen.

Aber nicht nur etwas – ich hab dich vor 45 Minuten getroffen, zu küssen – nein, ziemlich stürmisches Zunge in den Hals, Hand fest am Arsch…..

Und ich so: Meh.

Josef K., so hot bist du nicht. Und außerdem. Ich weiß nicht. Irgendwie n bisschen schnell.

Ich trete einen Schritt zurück.

Er fragt, was ich gleich noch machen würde.

Ich so: Nach Hause gehen.

Er könne ja mit zu mir kommen, sagt er.

Mmmh, ne danke, sage ich. Und gehe schnurstracks Richtung Zuhause. Er neben mir, leicht verwirrt.

Versucht, noch n paar Mal irgendwie ein Gespräch anzufangen.

Ich bin angepisst. Ganz ehrlich. Ich schätze Ehrlichkeit – und wenn er nur was zum vögeln sucht, soll er das sagen. Dann wäre ich wahrscheinlich nicht hier. In diesem dussligen Park. Gut, ich sehe heiß aus in diesem lässigen Kleid – aber 45 Minuten? Wirklich?

Wenn du’s nicht aushälst, dich länger mit mir zu unterhalten, war das die falsche Plattform für dich. Oder für dieses Treffen.

Ich gehe dann darunter, sage ich und zeige vage Richtung Heimat.

Und btw, du hättest ruhig sagen können, wenn du nur vögeln willst, dann hättest du hier nicht meine Zeit verschwendet.

Das habe ich komplett falsch verstanden, das sei gar nicht so, sagt er. Und so einen Wutanfall hätte er mir gar nicht zugetraut, ich sei doch vorher voll chill gewesen.

Well, wenn du das für einen Wutfanfall hälst, dann weiß ich auch nicht.

„Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ – sagt mein Kafka aus dem Regal.

Nun, Missverständnisse gehören irgendwie zum Daten wie die Kippe zum Bier, nicht wahr? Muss nicht sein, aber ist meistens doch dabei.

Wisst ihr was dagegen helfen würde? Sich einfach mal ehrlich machen.

Ich rate ihm dazu und stapfe von dannen.

Merke:

Männer aus dem hohen Norden finden mich meistens nicht „chill“ genug, da könnte ich ein ganzes neues Kapitel drüber schreiben. Vielleicht später. Und auf ein Date gehen ist ok, aber auf einem Date gehen ist vielleicht einfach nicht mein Ding.

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