Der Horror des Jodeldiploms

Wie verzweifelt kann man eigentlich sein? Normalerweise ist meine Antwort auf diese Frage: JA.

Aber auch mich kann man verschrecken! Denn wenn ich eins noch mehr fürchte als wirklich unlovable zu sein, dann wohl: abhängig zu sein.

Dabei habe ich eine Vorliebe für Amis – und die nun teilweise eine Vorliebe dafür, mit ihrem Portmonee zu wedeln.

Schwierig Kiste. Hier die Story von dem Mann, der mich in nur wenigen Tagen verschreckt hat.

Ich hätte es ja wissen sollen. Irgendwo in seinem Profil stand nämlich was davon, dass er in großem Umfang Bitcoin und so handelt.

Da wedelte also die Red Flag vor sich hin und ich rannte direkt drauf zu, wie ein dummer Stier.

Der Rest seines Profils sprach mir nämlich so aus der Seele, dass ich ihm sogar von mir aus schrieb. Das tu ich ja sonst nie.

Nun, es dauerte ein paar Tage, bis ich von ihm hörte – und er erwischte mich gerade noch, während ich noch in Berlin war. Hatte für kurz danach Verwandtenbesuch geplant.

Ich sagte also, wenn er was trinken gehen wollte, müsse das spontan an ebendiesem Tage passieren.

Und das tat es. Ich kam an – ich war nicht un-angetan, er hatte eine heiße Stimme und war sehr nett.

Wir unterhielten uns gut. Allerdings kam auch irgendwie das Gespräch dann doch immer mal wieder auf Geld. Dass er viel Geld verdient, Aktienhandel blabla. Versteht mich nicht falsch – ich bin kein totaler Antikapitalist – aber interessant find ich das weniger. Viel wichtiger ist die Frage, was das über jemanden aussagt, wenn er sich an sowas so festhält.

Ich versuche das aber erstmal wegzuwischen und halte mich an anderen Themen auf. Er sagte, er mag Berlin nicht und überlege, wieder woanders zu wohnen. Was er an Berlin auszusetzen habe?

Die Leute hätten alle Angst vor Beziehungen.

Auch diese Ansage spricht mir ja aus der Seele irgendwie.

Kann man jetzt drüber streiten, ob das genug sein sollte, um darüber zu bonden – aber immerhin.

Wir bestellen noch das ein oder andere Bier und es ist echt nett. Er macht mir ein Kompliment, ich bedanke mich – er kündigt groß an, dass er bezahlen werde und ich doch vielleicht noch was essen wolle.

Obwohl ich nicht viel Hunger habe, sollte ich das in der Tat, sage ich – und nein, kein Steak für mich – ich esse kein Fleisch.

Ob ich ihm denn Fleisch kochen würde, wenn wir in einer Beziehung wären? Rein hypothetisch und so.

Ähhhh.

Ob ich Kinder wolle?

Er wolle ja in einem richtig großen Haus wohnen und Kinder haben, vielleicht auch nur eins, das ist schon ok. Er hätte auch kein Problem damit, wenn seine Frau dann nicht arbeiten ginge.

Ich arbeite mich an meiner Aubergine ab, die mittlerweile gekommen ist.

Naja, arbeiten sei nicht so mein Ding, sage ich. Ich steh halt nicht wahnsinnig auf meinen Job – und ein ganzer Teil meiner Bemühungen im Leben ist darauf ausgerichtet, nicht mehr ewig arbeiten zu müssen.

Aber das? So ne Tussi mit Jodeldiplom? Ich weiß, das ist jetzt fies – ich kenne ganz hervorragende, hochintelligente Frauen, die diesen Deal eingegangen sind. Ihr wisst, wer ihr seid und so und ich hab euch lieb.

Aber ihr wisst auch, dass sich das für mich auf der einen Seite verlockend und auf der anderen Seite grauenvoll anhört. Und auch wenn ich mittlerweile seit drei Stunden da sitze und trinke, ist es ein bisschen viel auf einmal.

Ich müsste ja nicht zuhause bleiben und den Haushalt machen, sagte er. Er wäre auch gern mit einer tollen Frau zusammen, die dann noch ein Startup gründet oder wer weiß macht.

Bei mir rattert es. Startup? Was soll ich machen? Ne Zeitung für gelangweilte Hausfrauen herausgeben? Einen Blog….oh warte, das mach ich ja schon….

Abhängig zu sein wäre nicht so mein Ding, versuche ich ihm zu erklären. Weil, was ist, wenn es nicht funktioniert?

Ach, dann müsste man sich halt darauf einigen, das Haus zu verkaufen und zu teilen, sagt er.

Wir sind jetzt in Stunde dreieinhalb und wir teilen schon die Güter.

Er kommt beim Thema Berlin auf seine Ex zu sprechen, die ja so und so war – und er wolle ja nicht drüber reden. Aber sie konnte nie wirklich zugeben, wenn sie Unrecht hatte.

Gut, so Leute gibt es, ist kacke.

Er hätte ja auch so viel getan für sie, ihr dies gekauft und das und jenes.

Ehhhh……ob etwas für jemanden tun denn gleich was kaufen sein müsse?

Nein, nein, seien ja nur Beispiele und so….

Mittlerweile schaut er mich nicht mehr an, sondern schaut wechselnd von meinen Haaren zu meinen Händen. Meine Hände seien sehr schön und überhaupt, die Maniküre…..er höre mir ja trotzdem zu, aber was das für eine Nagellackfarbe, sehr schön, sagt er. (Die Farbe hieß witzigerweise „Independent Women“ – kein Scherz).

Well, ich lege die Hände auf den Tisch und höre auf, zu gestikulieren.

Das höre sich jetzt komisch an, creepy quasi, aber so sei das nicht – irgendwas hier rieche so gut.

Ob er mal an meinen Haaren riechen könne.

JETZT machen meine Hände eine krampfhafte Bewegung…….ehm, well, kannst du wohl.

Ja, meine Haaren seien es gewesen, sagt er.

Parfüm, ist ne krasse Erfindung, sage ich. Und erzähle weiter. Worüber auch immer, aber mittlerweile versuche ich nur noch, ein Gespräch irgendwie am Laufen zu halten, weil es mir n bisschen viel wird.

Ich weiß nicht mehr, wie er darauf kommt, aber irgendwann fragt er mich, ob ich gern gespanked werde.

Mein Gesichtsausdruck sagt wohl alles, denn er sagt, naja, so soft domination.

Yes, yes, das würde mir doch bestimmt gefallen.

Ich weiß, was mir NICHT gefällt und das ist das hier. Er packt das Thema wieder ein und nötigt mich noch zu einem Erdbeer Daiquiri.

Woraufhin er die Rechnung zahlt und mit soviel Trinkgeld wedelt, dass man uns noch einen weiteren Daiquiri und einen Tequila bringt.

Ich bin sehr, sehr betrunken – und damit nicht besonders reflektiert, aber es war ein langer Abend und nicht nur schlecht auf jeden Fall. Immerhin war ich mal wieder draußen, in den Pandemie-Zeiten.

Das mit dem Geld ist halt auch kulturell bedingt, sage ich mir. Lass es mal langsam angehen und schließe nicht gleich alles aus.

Wir verlassen das Etablissement und er will mir ein Uber rufen. Also auch bezahlen. Wir stehen vor seinem Apartment und ich sehe meine Bahn fahren. Ich realisiere, dass ich jetzt lieber da drin säße, statt hier mit ihm zu stehen. Es ist spät, ich bin müde und ich will keinen Körperkontakt mit ihm.

Er forciert das natürlich trotzdem. Ich denke noch darüber nach, ob ich mich jetzt verpflichtet fühle, nicht drei Schritte zurück zu machen, als er mich küsst – weil er alles bezahlt. Was totaler Blödsinn ist, ist ja nicht so, als hätte ich kein Geld.

Dann kommt zum Glück das Uber.

Ich muss am nächsten Tag erstmal den Kater versorgen und besuche Freunde.

Zwei, drei Tage danach schreiben wir. Wann er mich wiedersehen könne, sagt er.

Ich weiß es nicht im Moment, sage ich. Ich bin drauf und dran, zu meiner Familie zu fahren und danach komme meine Mutter nach Berlin. Alles bisschen blöd und bisschen schwierig, aber ist so.

Da würde man ja auch denken, dass ich ihn nicht mehr sehen wolle, sagt eine Freundin.

Aber dann würde ich mir an seiner Stelle die Blöße nicht geben und sagen: Klar, sag Bescheid, wenn du kannst.

Fertig ist die Kiste. Aber weit gefehlt.

Er macht n Fass auf. Und ein großes. Ich sei doch erwachsen und könne ihn auch sehen, wenn meine Mutter hier sei. Man müsse sich die Zeit doch nur nehmen etc.

Ich erkläre lang und breit, dass ich nicht nach einem Date meiner Mutter von ihm erzählen werde und dass das etwas unentspannt sei. Und außerdem ist ja noch diese Pandemie am laufen und meine Mutter ist alt.

Er müsse noch in dieser Woche wissen, ob er in Berlin bleiben werde, sagt er.

WHAT? Ok, sage ich ihm, ich wäre einem zweiten Date aufgeschlossen gegenüber, aber ich werde ihm jetzt nicht sagen, er solle wegen mir hier bleiben.

Nein, er müsse jetzt nicht dringend irgendwohin, nur ein neues Apartment suchen eventuell.

Aber das mit den zwei bis drei Wochen kein Date, das sei ja nichts für ihn.

Und meine Mutter höre sich sehr nett an, er könne sich ja mit ihr treffen und ihr seine Pläne mit mir darlegen. LACH-SMILEY.

Bitte, du willst was?

Ich weiß, das sollte ein Witz sein, aber das geht echt sehr, sehr viel zu weit nach einem Date – schreibe ich ihm.

Also das war ja wohl ein Witz und das wüsste ich auch und anscheinend hätte ich genau so viel Angst vor einer Beziehung wie alle in Berlin. Außerdem wäre es für ihn sowieso nicht gegangen, sich drei Wochen nicht zu sehen.

Von den all den Sachen, die mir Menschen im Laufe der letzten 35 Jahre vorgehalten haben, halte ich das für das Bescheuertste.

Bin ich hässlich, zu negativ, manchmal eine Nervensäge? Bestimmt. Aber habe ich Angst vor dem Beziehungsding?

Nahhhh.

Ich wusste nur nicht, dass die Beziehung schon nach dem ersten Date angefangen hat.

1 Kommentar zu „Der Horror des Jodeldiploms“

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