Zwei Blinde auf Krückstöcken

Seit Wochen beratschlage ich jetzt eine Freundin in den Fragen des erfolgreichen Anbandelns. Da werft ihr jetzt wahrscheinlich ein, dass das der Blinde ist, der den Einäugigen spazieren führt. Richtig. Oder ich als Körper-Klaus (kann mit meinen Koordinations-Fähigkeiten gerade so geradeaus gehen) stütze jemanden, der ein gebrochenes Bein hat. Nur zur besseren Veranschaulichung. So stolpern wir also dahin, im Dunkeln, mit einer Krücke unter dem Arm und meiner Freundin am anderen Arm eingehakt – mir nach, ich folge! Sprach sie, und fiel um.

Denn am Ende kann ich viele Ratschläge geben, die sich gut anhören. Ich bin zwar literally aufrgund oben beschriebener Behinderung öfter mal im Leben schon auf den Kopf gefallen, noch funktioniert der aber ganz gut.

Aber reden kann man viel, ne? Würde ich meine eigenen Ratschläge aber auch beherzigen, wenn ich mich mal ehrlich mache?

NÖ! Aber nur über meine sowas von toten Knochen.

Aber zur Sachlage: Meine Freundin ist nicht verknallt. Ausnahmsweise. Sagt sie zumindest. Sie hat allerdings diese unfassbare Chemie mit diesem Mann. Schon länger, sagt sie. Aber das habe sie sich mal vor einigen Jahren aus dem Kopf geschlagen, aus vernünftigen Gründen. Nun, jetzt ist er wieder da und es lässt ihr keine Ruhe mehr.

Wenn die Anziehung so stark ist, dass man das Gefühl hat, sich gleich nur vom Nichtstun einen Stromschlag zu holen, ist das halt heftig. Kann ich verstehen.

Die wichtige Frage, die man an dieser Stelle bis zum Erbrechen diskutieren kann, ist ja, ob das dann gegenseitig ist. Ist bei mir eigentlich immer so gewesen. Viele Leute sind fest davon überzeugt. Heißt nicht, dass da immer einer die Initiative übernimmt, dass irgendetwas passiert – aber manchmal hat man das Gefühl, dass es ein stilles Einvernehmen darüber gibt, dass man sich gerne gegenseitig anspringen würde. Und keiner macht was.

Oder vielleicht hat nur einer das Gefühl? Ist es einfach diese Frage, die einen dann zurückhält?

Vorausgesetzt natürlich, beide Menschen sind frei, um anzuspringen, wen sie möchten.

Ist es die Angst vor der Zurückweisung? Ich würde sagen, ja. Meistens.

Denn was habe ich ihr geraten? Sag’s ihm einfach. Frag ihn, ob er zuletzt zurückhaltend war, weil er wusste, was sie will und er nichts Körperliches mit ihr möchte? Ich finde, das wäre ein Knaller. Sehr gerade raus. Einfach mal klare Verhältnisse schaffen.

Können die meisten Menschen nicht. Ich bewundere den, der das kann. Aber würde ich das machen? Gut, das Klarste wäre immer noch zu sagen, dass sie gern eine Freundschaft plus hätte. Das hört sich aber irgendwie immer fies an, finde ich.

Ich würde vor dem Begriff zurückschrecken. Also was könnte man da sagen? Hör zu, ich mag dich, ich verbringe gern Zeit mit dir, aber ich bin nicht weiter romantisch interessiert.

Ich würde aber gern mal anbieten, dass wir das hier in die Horizontale verlegen? Zumindest im Corona-Winter. Und dann halt mal gucken.

Mmmh, ich weiß nicht. Ich kenne ihn, ich kenne sie. Und ich würde denken, dass er sich zumindest sehr geschmeichelt fühlen würde. Wenn er nicht ganz irre ist, würde er das Angebot annehmen.

Aber würde er das wirklich? Oder vermutet er dann eine Finte, hat Angst vor einem Drama, oder steht vielleicht insgeheim nur auf einen ganz anderen Typ? Sie ist sicherlich recht attraktiv, vielleicht denkt er, da wäre nichts zu holen für ihn?

Was weiß ich denn? Es gibt tausend Gründe. Sich geschmeichelt zu fühlen ist erstmal nicht verkehrt. Er ist zumindest kein Idiot und wer das nicht ist, würde sich wohl kaum lustig machen und da einigermaßen nett mit umgehen.

Was hat sie also zu verlieren? Ich habe es schon in umgekehrter Richtung erlebt, dass ein Mann mir in einer Freundschaft etwas anbot, das ich nicht annehmen konnte. So leid es mir tat. Und so sehr ich auch versucht habe, das vernünftig zu handlen, irgendetwas bleibt zurück und so richtig ist es nicht mehr wie vorher.

Am Ende geht es doch immer nur darum, das Gesicht zu wahren, oder? Es gibt ja einen Grund dafür, dass ich meinen eigenen Ratschlag nie befolgen würde. Ich mag mein Gesicht zwar nicht besonders, aber alles was dahinter steckt, ist doch recht empfindlich.

Ich kann es also mehr als verstehen, sein Ego gut verwahren zu wollen, anstatt zu riskieren, dass man die Katze aus dem Sack lässt. Den Hasen aus dem Hut. Ach, was weiß ich.

Mich beschäftigt das, weil ich sie verstehe – und wahrscheinlich schon genügend Chancen verpasst habe.  

Vielleicht ist einfach was dran, dass ein Mann, der irgendwas will, auch immer selbst etwas dafür tun wird. Andererseits glaube ich, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, was sie alles haben könnten, wenn sie mal vor die Tür gingen, bildlich gesprochen. Oder sich nicht trauen zu wollen, was sie vielleicht gar nicht haben könnten.

Man kann sich schließlich sehr gut einrichten mit der eigenen Einsamkeit. Und sagen, dass es anders eh nicht ginge, weil.

Aus Gründen.

Aber hey, das schreibe ich auch von der Sicherheit meines Sofas aus.

Und so tapern wir wohl weiter beide ungeschickt durch die Dunkelheit

„Die Angst vor der Blöße, die Angst vor dem Tod – reicht für ein Leben – als verklemmter Idiot.“ Stoppok.

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