Als der Stalker seinen Namen verlor…

Ich muss wohl zugeben, dass ich für die letzte Geschichte zu viel versprochen habe. Denn wo war das Stalking unter der Stalker-Überschrift? Nun, das fing ab diesem Punkt erst an.

Das Ganze wurde so ein einschneidendes Erlebnis, dass der Herr seitdem für mich und meinen Freundeskreis seinen Namen verlor.

Wir waren 1,5 Jahre zusammen. Trotzdem wusste ich zwischendurch nicht mehr, wie der eigentlich hieß. Denn, wer war das eigentlich? Was war da geschehen? Alles, was vorher nicht schlecht war, hatte sich aufgelöst. Übrig war für mich nur noch der Stalker.

Die ersten Tage konnte ich nach meinem abrupten Mal-Eben-Die-Tür-Vor-Der-Nase-Zuknallen noch verstehen, dass er drüber reden wollte. Dann…..nicht mehr so. Aber lest selbst.

Nach dem Schlussmachen ging es los, mit den tausend Nachrichten am Tag. Und drüber reden wollen kann ich verstehen. Closure ist zwar eine Illusion, aber manchmal habe ich das über ein finales Gespräch mit jemandem schon irgendwie erreicht. Das hat nur selten funktioniert, aber manchmal ist es hilfreich, um die Dinge einzuordnen. Dann kann man sagen, ok, so sei es – alles Gute dir – und bis dann. Kapitel abgeschlossen.

Außerdem gehört es für mich dann doch zum Mindestmaß an Respekt, das Drüber-Reden zumindest mal anzubieten, wenn man ne Weile zusammen war.

Gesagt, probiert. Mit mittelmäßigem Ausgang. Wir trafen uns zum Spazieren.

Hör zu, ich hätte dir nicht so hinterher spionieren sollen, das war falsch. Weiß ich auch. Aber du weißt auch, was ich gefunden habe und aus dieser Sackgasse kommt keiner mehr raus. Also lass uns den Deckel draufmachen und jetzt nicht weiter rumdiskutieren, sondern unserer Wege gehen.

Das war so mein Ansatz. Fand ich den Umständen entsprechend ok. Er weniger. Er wollte mich zurück und verfing sich in einem hyper-nervösen, unzusammenhängenden Vortag. Diese Art seines Vorsprechens für die Rolle des Dorf-Gestörten sollte mich noch eine Weile begleiten. Wirklich, das fühlte sich schon da nicht mehr so an, als wären da noch viele Tassen im Schrank heile geblieben.

Es war schon spät am Abend, ich müsse früh raus, sagte ich zu ihm, als wir die zehnte Runde um den Block drehten. Ich würde dann mal gehen, mehr könne ich ihm dazu nicht sagen. Wir könnten ja nochmal telefonieren die Tage, wenn er noch über was reden müsse.

Musste er anscheinend, er wusste nur nicht über was. Stattdessen stellte er sich vor meine Wohnungstür und teilte entschieden mit, mich jetzt nicht gehen lassen zu können.

Ehhh……und nu?

Ich versuchte zu argumentieren, keine Chance, ich versuchte mich an ihm vorbei zu drängeln – irgendwie ging das und ich kriegte die Tür auf, er packte mich noch am Arm beim Aufschließen – komische, dramatische Seifenoper alles.

Ich sprintete die Treppe hoch und schmiss meine Wohnungstür hinter mir zu. Schloss sie ab.

Zum Glück, denn er war mir gefolgt und hämmerte nun an meine Wohnungstür, ich solle aufmachen.

Nichts da, er soll mal lieber nach Hause gehen.

Tat er aber nicht, sondern bearbeitete mein Schloss von außen mit irgendwas. Wie bitte? Ja genau, das war eine alte Tür und ein wenig vertrauenserweckendes Schloss. Und da steht jetzt dieser sabbernde Irre und rüttelt daran rum und steckt irgendwas in den Türschlitz um das aufzuhebeln.

Keine Ahnung, ob der Vollidiot das jemals aufgekriegt hätte. Aber ich fand das beängstigend. DAS ist nicht mehr normal. Ich drohte ihm, die Polizei zu rufen. Er machte weiter. Wusste wahrscheinlich, dass das eine leere Drohung war.

Stattdessen rief ich seinen Vater an, der damals schon hochbetagt war. Ob er gefälligst meinen seinen irren Ableger hier abholen könne? Weil ich sonst die Polizei rufen müsste?

Glaub der Alte hielt das für einen Scherz. Und ein Teil von mir auch. Wann hatte ich denn den Vertrag für so eine RTL2-Show unterschrieben? Das konnte doch jetzt nicht im Ernst passieren.

Oh, dabei war das erst der Anfang.

Der alte Papa kam und zerrte ihn aus dem Haus. Muss nicht sagen, dass meine Nachtruhe eher mäßig ausfiel, was?

Nun, das sollte erstmal so weitergehen.

Für etwa zwei Monate. Nachts sammelten sich die SMS (bin jetzt wohl alt) auf meinem Handy, morgens verließ ich das Haus und sah mich ständig um. Denn es kam nicht selten vor, dass er plötzlich hinter einem Auto auftauchte. Was hatte er da gemacht? Dahinter gepennt? Gekniet, bis ich komme? Weiß der Geier.

Montagmorgens kam ich eines Tages in die Redaktion (auch wirklich nicht die Netteste) und der Chef sagte mir, mein Freund sei da. Bitte, waasss?

Ich lotste ihn in ein leeres Büro und da stand er mit einem traurigen, selbst gepflückten Büschel Gras, das wahrscheinlich Blumen darstellen sollte.

Tja, was machen? Wenn man keine Szene haben will und ihn loswerden? Ich versuchte, ihm Vernunft einzureden und schaffte, dass er ging. Mein Arbeitstag? Eine Vollkatastrophe. Ich weiß im Nachhinein nicht so Recht, wie ich dieses Volontariat überhaupt hingekriegt habe.

Mein Zigarettenkonsum stieg ins Unermessliche. Immer, wenn irgendwo das Telefon klingelte (haha, und das in der Zeitungsredaktion) zuckte ich zusammen – es war geradezu physisch schmerzhaft und ich hätte mich gern unter dem Schreibtisch zusammengerollt und geweint. Aber hey, wär irgendwie blöd gekommen, ne?

Also, weitermachen. Das Handy piepst unentwegt. Und manchmal stand er dann halt nachts im Garten hinter meinem Haus und schmiss Steinchen (zum Glück wirklich nur -chen) ans Fenster. Oder stand vor meiner Tür. Oder bei meiner Mutter vor der Tür. Joggte abends vor der Redaktion, um zu sehen, wann ich gehe. Verfolgte mich zur Bahn. In der Bahn. Mit dem Auto fuhr er neben mir her, während ich zu Fuß von der Bahn zu meiner Mutter ging.

Noch ein paar Anrufe. Noch ein paar Nachrichten. Ans Telefon ging ich anfangs noch, versuchte ihm Vernunft einzureden. Dann schrie ich ihn nur noch an. Beleidigte ihn, wurde richtig ausfallend und fies. Dann war nur noch heulen und betteln angesagt. Es half alles nichts. Dann ging ich gar nicht mehr ran. Das verstärkte das physische Verfolgen.

Ja, ich war vielleicht ein unsicheres Mäuschen, was das Beziehungsthema anging, aber ich war nie – hilflos. Ich bin in einem reinen Frauen-Haushalt aufgewachsen und hatte nie einen Mann, der für mich Probleme löste. Die hab ich immer selbst gelöst. Hilflos – das habe ich als Gefühl erst da kennengelernt.

Und ich bin groß – ich hatte nie Angst, allein unterwegs zu sein.

Bis dahin. Ist kein schönes Gefühl, kann ich bestätigen. Hatte ich wirklich Angst, dass er mir was antut? Sich was antut? Schon eher Letzteres. Das sage ich jetzt. Damals, keine Ahnung. Ich war zurückgesetzt in einen reinen Flucht-Zustand. Nichts als Angst und Instinkt noch übrig.

Irgendwann fragte mich auf der Arbeit ein Kollege, was denn mit mir los sei. Raucherpause, ihr wisst schon. Ich schüttete mein Herz aus. Wir verabredeten uns zum Essen an dem Abend.

Der Stalker stand abends vor der Tür der Redaktion und folgte mir. Und beobachtete wahrscheinlich, als ich abends das Haus verließ und in die Bahn stieg. Denn als ich dann beim Essen saß mit dem Kollegen, fand er uns. Stand an unserem Tisch und schwadronierte über private Dinge.

Der Kollege versuchte, auf ihn einzureden. Genau wie ich. Er ließ nicht locker. Der Kollege versuchte dem Kellner Bescheid zu sagen, dass das ein Irrer sei, der uns belästige, er möge bitte die Polizei rufen. Der Kellner hielt das für einen Scherz.

Und erst da war es bei mir soweit und ich rief selbst die Polizei. Der Stalker stand neben mir vor dem Restaurant und schrie auf mich ein, dass ich DAS doch jetzt nicht machen könne. Täter-Opfer-Umkehr, much? Er war wirklich entsetzt, wie ich ihm das antun könne.

Erst, als ihm klar wurde, dass ich DAS wirklich getan hatte, trat er den Rückzug an. Ich wartete auf die Beamten.

Die waren fast beleidigt, dass der Irre weg war und hielten das für Blödsinn. Ich war dagegen ziemlich am Ende. Ich zeigte ihnen die 240 SMS der letzten zwei Monate, versuchte zu erklären, zeigte ihnen, wie er mir geschrieben hatte; DU BIST TOT FÜR MICH.

DAS interessierte sie dann.

Sie notierten eifrig.

Ich unterschrieb was sie mir vorlegten. Kann nicht sagen, das mit Verstand gelesen zu haben, aber es war irgendwas mit Anzeige.

Ab da hörte ich nichts mehr von ihm. Er war verschwunden. Ich erkundigte mich, wie das mit einstweiligen Verfügungen funktioniere. Ja, das geht nur, wenn jemand noch akut stalkt. Nicht jetzt, wo er davon abgelassen habe. Ok, vielen Dank für nichts.

Das nächste Mal hörte ich von ihm über drei Ecken. Die Polizei schickte mir eine Gegenanzeige – er hatte mich wegen der Nutzung des Keyloggers auf meinem Computer angezeigt.

LOL, Bitch. Wirklich? Ja, wirklich. Was soll ich sagen, war wohl auch strafbar. Theoretisch.

Da war ich also wieder in der Schleife des Grauens, dieses Mal mit realen, negativen Auswirkungen auf mein ganzes Leben.

Ich ging zu einem Anwalt und zahlte, was für mein Volontärsgehalt ein Vermögen war, um Akteneinsicht zu bekommen.

Dafür bekam ich aber immerhin Entwarnung. Der Polizist, der seine Anzeige aufgenommen hatte, hatte direkt notiert, dass er total losgelöst von der Wirklichkeit zu sein schien und das nur zu tun suchte, um sich bei mir zu rächen.

Dann bekam ich einen handgeschriebenen Brief von ihm, den er an die Polizei geschrieben hatte. Mit privaten Details zu unserer Beziehung. Fremdschämen, ahoi.

Aber er wolle die Anzeige zurückziehen, weil er mir ja nicht schaden wolle und ich wolle ja Journalistin werden und das könne mir schaden, usw.

Nungut, mir wurscht. Hatte er gedacht, dass ich deswegen meine Anzeige zurückziehe? No way, Jose.

Wir fechten das aus, war mein Gedanke. Und so gingen wir vor Gericht. Da traf ich, glücklicherweise, auf eine junge RichterIN. Ich will gar nicht sexistisch sein und hoffe, dass ein Mann ähnlich geurteilt hätte, aber mir flößte das Vertrauen ein.

Er kam, als altes Sparbrötchen, ohne Anwalt. Ich erzählte einfach, zeigte die ganzen SMS vor – ich hatte vorher einen tausend Seiten langen Brief mit dem Inhalt jeder SMS und jedem Vorfall ans Gericht geschrieben.

Die Beamten hatten die Anzeige wegen der DU BIST TOT Nachricht leider als Bedrohung aufgenommen und nicht wegen Stalkings. Die Richterin sagte noch, das sei gut für ihn gewesen, denn damals war gerade der neue Stalking-Paragraph eingeführt worden, nachdem das härter bestraft worden wäre. Sagte Sie. Was weiß ich.

Danach habe ich oft genug gelesen, dass auch die neue Regelung für die Opfer nur wenig gebracht habe.

Aber immerhin zweifelte keiner an mir vor Gericht.

Er versuchte mich irgendwie bloßzustellen, seine Schwester saß im Publikum und schrie mich an zum Urteilsspruch, unter Tränen: Willst du das wirklich?

Ja, ja – ich wollte das wirklich. Ich hatte lange genug versucht, ihm irgendwie so beizukommen, aber da war ja nichts zu machen. Und so endete meine erste Beziehung.

Angeschrien, gedemütigt, verängstigt – aber mit einer Geldbuße von etwa einem Monatsgehalt für ihn.

War ich erleichtert? Irgendwie. Zufrieden? Das kann man so nicht sagen. Aber sobald der Richterspruch gefallen war, verließ ich im Laufschritt unter Tränen den Saal – und er folgte mir bis zur Tür.

Ich weiß nicht mehr, ob ihn bis dahin dann seine Schwester oder einer der Polizisten an der Tür zurückgehalten hatte – ich weiß nur noch, dass er dann seinen Namen endgültig für mich verloren hatte.

Wenn ich darauf wetten müsste, wer von uns beiden mehr verloren hat – würde ich trotzdem auf mich setzen.

“What makes your problems so much bigger than everybody else’s? They’re mine.”

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