Wie ich am Opportunismus scheiterte…

Fünf Wochen hatte ich Zeit, über die Seifenoper mit dem Herren nachzudenken und kam zu dem Schluss, dass es das nicht sein kann. Ja, er war schön und….groß, aber selbst meine Grenzen sind irgendwann erreicht. Aber wir befinden uns ja gerade in dieser Pandemie. Also beschloss ich, einmal im Leben so richtig opportunistisch zu sein. Naja, ihr werdet sehen, wie gut das funktioniert hat.

Drei Wochen war ich von morgens bis abends nur mit dem Wohnungswechsel beschäftigt und insgesamt ziemlich am Ende mit den Nerven. Ab und zu hatten wir mal getextet. So wie geht’s denn so und so. Recht spartanisch und nicht mal an der Oberfläche kratzend.

Ich hatte auch mal versucht, zu flirten. Aber ich bin halt etwas merkwürdig, falls das hier noch nicht aufgefallen ist. Ich hab das vielleicht dumm angestellt. Allerdings war alles was ich dafür erntete, ein: „Hehe“. Vier Tage nach meinem Flirtversuch. Dude, dann ignorier es halt. Vier Tage später ein Hehe und sonst nichts? Das kannste dir klemmen.

Ratlos blieb ich danach zurück. Will er mich noch sehen, will er nicht, ja wahrscheinlich ist er gestresst davon, dass er jetzt arbeiten muss (Glückwunsch zum Job) – aber wtf?

Ich beschloss also, nicht-wissend was er will, einfach mal kundzutun, was ich will.

Dann kann er ja sagen, wie er das findet.

Ob er mal telefonieren könne später, fragte ich. Keine Antwort.

Gut, ein paar Stunden später schickte ich eine Sprachnachricht. Nicht ideal und so, aber ich war das Warten satt.

Wie es denn so ginge? Kurzer Smalltalk zu ner Serie, die wir beide geguckt haben.

Ich hätte nur mal sagen wollen – falls dieses unglückliche Gespräch zur Exklusivität da letztens einem erneuten Treffen im Wege stehen sollte – ich hätte mir die Frage selbst beantwortet und wolle das nicht mehr zur Sprache bringen.

Würde ihn aber weiterhin gern treffen. Falls er das nicht wolle, könnte er das ja gern sagen, dann nix mehr komische Sprachnachrichten von mir. Und Drops gelutscht.

Erneut lief ich also in die Falle so etwas wie ein Ja oder Nein zu verlangen. Muss man schon sagen, ist auch blöd. Meine Therapeutin (von der wird hinterher noch die Rede sein) meinte übrigens, das ist in Ordnung so, mal zu sagen, was man möchte. Aber ich hätte besser erklären müssen, was mich zu diesem Schluss gebracht hat.

Jaein. Sehe ich ein, aber für ne kurze Sprachnachricht fand ich das erstmal so ok. Ich hätte mich gern auf Wunsch weiter erklärt und ausgeführt, wie ich mir das so vorstelle.

Wir treffen uns, du lässt das Drama zuhause, wir haben nen schönen Tag. Und wenn jemand jemand anderen kennenlernt, fein.

Jetzt hab ich hier Jahre um Jahre rumgeheult, dass ich keine Beziehung finde. Aber das heißt ja nicht, Beziehung mit irgendwem. Und ja, für den Corona-Winter tut es auch jemand, mit dem man sich gut versteht, um ab und zu mal nen Film zu gucken und sich den Rücken zu kraulen.

Die Nachricht schickte ich am Sonntagabend. Montagmittag schrieb er mir er hätte im Moment keine Kraft, sich das anzuhören und müsse ja in x Stunden arbeiten.

Ok, kein Problem, schrieb ich – viel Erfolg bei der Arbeit.

Gegen Ende der Woche wachte ich auf zu dieser Nachricht:

„Ich hab die Nachricht gehört. Und bin jetzt irgendwie ziemlich deprimiert. Spiel die Nachricht doch mal deiner Therapeutin vor. Das kann doch alles nicht wahr sein. Facepalm-Emoji.“

Eh……da war es mal an der Zeit, dass ich aggressiv wurde statt immer nur er.

Hätte ich mir ja denken können, dass er so reagiert, schrieb ich. Keine Ahnung, was daran deprimierend sei, das würde mich ja mal interessieren. Und meine Therapeutin weiß das und fand das ok – wir waren uns aber einig, dass du dich wahrscheinlich aufregen wirst.

BURN.

Tja, mir war klar, dass er das nicht verkraften würde, sondern durch die Gegend hüpfen wie das HB-Männchen oder Rumpelstilzchen.

Entzwei gerissen hat er sich nicht (soweit ich weiß), aber er ging ziemlich an die Decke.

Es sei gut, dass er sich die „beschissene scheiß Nachricht“ nicht am Montag schon angehört hätte. Das hätte ihn ja mehr gefickt als es das jetzt schon tut. „Und jetzt lass mich in Ruhe bis zum Wochenende, ich bin gerade sowas von im roten Bereich. Ich kann echt nicht mehr und dann noch so ne Psycho scheiße oben drauf.“

Ich verstehe nada – schrieb ich.

Er erklärt mir aufgeregt in ner Sprachnachricht, dass das mit der Therapeutin total psycho ist.

Gebe ihm total Recht, dass das fies von mir war. Richtig fies. Aber wenn ich jemandem erzähle, dass ich eine Therapie mache und er nutzt das gegen mich und schießt SO SO tief unter die Gürtellinie, um mich zu verletzen……tja, wie man in den Wald hinein ruft. Denn besprich das mal mit deiner Therapeutin ist einfach richtig beschissen. Punkt. Das diskutiere ich nicht.

Ist keine Entschuldigung, war nicht schön, dass ich so tief gesunken bin.

Aber wenn man mit der Hitze nicht klar kommt, nicht in die Küche und so.

Er schickt mir tausende Satzzeichen ???????????????? Ja? Ok?????????????????? Ich solle ihn in Ruhe lassen.

Und überhaupt, mein Basis-Modus sei, auf alles mit einer Gegenfrage zu antworten. Stimmt auch – das bedeutet für mich, dass ich mich für das interessiere, was jemand sagt. Oder mir vorwirft in diesem Fall. Er sagt die Nachricht ist deprimierend, ich wüsste gern, wieso. Aber eine Gegenfrage ist es übrigens dann, wenn jemand vorher was gefragt hat. Ist nicht so, als würde ich keine Antworten geben.

Damit bringe ich ihn in einen Rechtfertigungszwang, sagt er. Als sei er ein Soldat im Krieg, der durch die Gegend liefe und Menschen umbringt und ich würde ihn fragen warum er das macht, das sei falsch.

EH? Jetzt bin ich wieder lost. Über die Therapeuten-Nummer regt er sich zu Recht auf, aber das? Dass ich frage, warum es deprimierend ist?

Ich solle mal selbst drüber nachdenken. Nur selbst denken bringt einen weiter. Und nicht mit der Therapeutin reden – und meine sei ja anscheinend sowieso ziemlich schlecht, sagt er.

Sorry, aber bei dem Comeback im Sinne von jeder der mich kritisiert, ist doof – musste ich doch lauthals lachen.

Sind wir wieder beim Gedankenlesen. Ich kann mir tausend Gründe überlegen, weshalb er das deprimierend findet – aber den richtigen weiß ich erst, wenn er mir das mitteilt. Weil ich meinetwegen psycho bin, aber nicht psychic. Zwei verschiedene Paar Stiefel, Alter.

Wenn ich ausnahmsweise mal selbst das Getriebe anschmeiße und denke, dann kommt dabei raus, dass er ein Narzisst ist. Und es ihn deprimiert, dass ich aufgehört habe, ihm wie ein Schoßhündchen hinterher zu laufen und anzuhimmeln.

Einige Freunde waren der Meinung, er hätte doch mehr gewollt. Ich glaube das nicht.

Höchstens mir die Illusion von mehr weiter wie die berühmte Möhre vor der Nase baumeln zu lassen, während er mich als Punchingball benutzt und sich in meiner Anerkennung und meinem Geld sonnt.

Vielleicht hätte er es auch einfach geistermäßig auslaufen lassen wollen, und die Nachricht hat seine Ruhe gestört. Weil er nicht in der Lage ist zu sagen, du – ne, danke.

Ist auch schwierig, bin ich auch nicht gut drin. Aber nach drei, vier Monaten daten gehört das für mich schon zum Anstand.

Wie ich jetzt auf die Idee kam, Anstand zu erwarten von jemandem, der bei allen seinen Freunden Schulden hat und sich trotzdem zwischendurch n Näschen Kokain leistet – weil er „mal einen drauf machen muss“? It’s beyond me.

Ich bereitete daraufhin eine sehr gute, Bye, Bye-Nachricht vor. In der ich mich für die Therapeuten-Sache entschuldigte, aber klar sagte, dass er alle Grenzen mit karacho durchfahren habe und jetzt Finito sei.

Der einsame Corona-Winter lag jedoch so schrecklich und lang und düster vor mir, dass ich mich nicht dazu durchringen konnte. Stattdessen schickt ich nach zwei Wochen etwa: Hör zu, ich weiß nicht, ob sich das noch kitten lässt, aber würde dich als Friedensangebot auf nen Drink einladen.

Nun, nichts mehr. Das war es. War ich danach wirklich traurig? Nein, eigentlich eher erleichtert. Das gibt mir Hoffnung, dass der größte Teil von mir doch nicht ganz irre ist und weiß, dass er auch im Corona-Winter gut klarkommen wird.

Hey, meine längste und beste Beziehung war 2019 und dauerte etwa zehn Monate. Alles andere – das war so wie Mr. Drama hier.

Was soll ich sagen, stell mir zehn Typen in eine Reihe und ich picke dir den raus, der die meisten Issues hat. Das scheine ich unwiderstehlich zu finden.

Wenn ich dadurch aber eins geschult habe, dann meine Fähigkeit, mit mir allein gut auszukommen.

Und auch wenn ich opportunistisch seine guten Seiten gern ausgenutzt hätte, um mir weniger allein und unlovable vorzukommen im Winter, weiß ich auch, dass das wohl kaum funktioniert hätte. Manchen Leuten klebt das Drama an den Hacken wie ein Stück Hundescheiße.

Da bleibt nur noch übrig, den phänomenalen Schluss meiner Schlussmach-Nachricht aufzugreifen:

Du erinnerst mich an dieses Lied von den Mimmis: ‚Baby, Baby, es könnt so schön sein mit dir. Ist es aber nicht. Schade‘

3 Kommentare zu „Wie ich am Opportunismus scheiterte…“

  1. Ja tatsächlich könnte man den Corona Winter Etwas weiterlaufen lassen das nicht mehr wirklich gut ist, man sich aber gut versteht. Das verstehe ich.
    Aber ich kann nicht nachvollziehen, wie Du den Typ und „gut verstehen“ in einen Satz packen kannst. Jede Minute, die Du Dich mit ihm beschäftigst verpasst Du Dein Leben. Vielleicht dann erstmal ein Singleleben, aber vielleicht hast Du dann den Kopf frei um was draus zu machen.
    LG

    1. Ja, das denke ich auch gerade. Ist ja nicht so, als hätte ich das Singleleben nicht schon gut raus. Und im Corona-Winter lässt sich genug anfangen als Introvertierter. So viele Games zu zocken, Bücher zu lesen und Pullover zu stricken. An neuen Freundschaften (im kleinen Kreis, mit Abstand und so) will ich auch arbeiten. Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s