Mit Ü30 wächst der Wartungsaufwand

Kennt sich hier jemand mit Wartungen aus? Nein, nicht für Heizungen, Aufzüge, Kraftwerke oder Ähnliches. Für einen selbst. Ich sprach heute mit einer Freundin darüber: Je älter wir werden, desto mehr steigt der Wartungsaufwand. Wir kämmen, wir färben, wir rasieren alles, wir needlen das Gesicht, wir zumbaen und machen Gerätetraining und wiegen unser Frühstück ab, wir laufen für ein Stück Schokolade die Extra-Runde ums Haus. Und wieso? Weil wir begehrt werden wollen.

Funktioniert bei mir halt leider nur so mittel.

Aber der Aufwand, oh der Aufwand. Sowohl finanziell als auch zeitlich, da wird es immer anstrengender. Die schwierigste Entscheidung ist für mich immer noch das Fadenlifting – ich glaube, es wird mir helfen, mich deutlich weniger hässlich zu fühlen.

Allerdings hält das auch nur anderthalb bis zwei Jahre, sagt der Doktor. Realistischerweise also wohl eher ein Jahr bis anderthalb. Kostenpunkt: 2000 Euro. Plus, was ich wahrscheinlich auch noch bräuchte, die ein oder andere Injektion, um dem Merkel-Mundwinkel entgegenzuwirken.  

Sorry, Frau Bundeskanzlerin, ich will Sie nicht auf Ihr Aussehen reduzieren – aber Ihre Mundpartie ist schon recht eindringlich.

Ich kann also mal locker damit rechnen, dass die Kosten so bei 200 Euro im Monat liegen werden. Dauerhaft. Dabei bin ich in der privilegierten Position, mir das leisten zu können, ohne auf Essen verzichten zu müssen. Nicht mehr jedenfalls, als sonst auch aus rein ästhetischen Erwägungen.

So privilegiert, dass ich auf gar nichts verzichten müsste, bin ich allerdings auch nicht. Das heißt, Fresse oder Urlaub? Fadenlifting oder Altersvorsorge?

Das sind Luxusprobleme, aber es sind meine Probleme.

Szenario A: Ich mache das Fadenlifting, es sieht scheiße aus, ich verstecke mich für den Rest der Pandemie und noch ein bisschen darüber hinaus und tue so, als hätte ich immer noch Angst vor Corona.

Szenario B: Ich mache es und es gefällt mir gut! Ich bin selbstbewusster und fröhlicher, aber liege auch manchmal nachts wach und frage mich, wie zur Hölle ich das auf die Dauer finanzieren soll und ob das Geld nicht dringend in ebendiese Altersvorsorge investiert werden sollte oder ob ich jetzt Blut gegen Geld spenden sollte.

Oh und als Bonus wird meine Familie den Eingriff auch ständig vorhalten!

Szenario C: Ich hasse mein Gesicht einfach weiterhin und ärgere mich in zehn Jahren, dass ich es nie ausprobiert habe. Ich meine, das mache ich ja immerhin schon seit der Pubertät, also fast 20 Jahre. Man könnte also fast sagen: Zu hassen, wie ich aussehe, ist meine Komfortzone.

Das Ganze könnte so einfach sein, aber hat doch so viele Implikationen. Aus rein feministischer Sicht ist dieser ganze Wartungsaufwand sowieso für den Arsch. Das kann meine Vernunft so einsehen, der Rest von mir – nun, der findet es auch kacke, aber es hilft nichts.

Du spielst das Spiel mit, oder du bleibst allein. So sieht die Realität für mich mit 35 doch aus. Nun war ich selbst mit 20 nicht konventionell attraktiv. Mich hat fast nie ein Mann angesprochen. Fast nie bedeutet hier, vielleicht in meinem gesamten Leben fünf Mal. Normalerweise ging ich als recht junger Mensch aus dem Club nach Hause und weinte, weil mal wieder um fünf Uhr morgens ein Mann zu mir kam und ich dachte: Oh hey, wenigstens jetzt gräbt dich mal jemand an – und ich wurde hoffnungsvoll.

Ich bekam jedoch nichtmal eine Einladung auf einen volltrunkenen One Night Stand, oh nein: „Ey, was guckst du denn so böse?“, fragten die Männer mich. Wahlweise auch traurig oder ernst.

Das war alles. Dann bestritt ich das kurz und sagte: Ich bin nicht traurig, das ist nur mein Gesicht.

Und er zog von dannen.

DANN war ich traurig – und ging nach Hause.

Meine Freundinnen (gut zugegeben, die ein oder andere war auch außergewöhnlich schön) mussten quasi die Männer aus allen Richtungen mit einem Stock abwehren.

Und ich, ich war halt auch da.

War ich deswegen immer alleine? Meiner Meinung nach schon. Das spielte zumindest eine Rolle.

Leider wollen sich doch zu viele Männer mit einer Frau schmücken. Und das Gegenstück zum hässlichen Hipster-Pullover hat sich da als In-Ding in Beziehungen noch nicht durchgesetzt.

Was bleibt mir also? Weiterhin so versuchen. Meinem Gesicht keine Beachtung schenken und warten, bis ich mal wieder jemanden mit nem Sehfehler treffe, der meinen Humor schätzt.

Meine Therapeutin hat mich bereits genötigt, mal ganz ehrliche Bilder von mir ins Online-Dating zu stellen. Wider Erwarten habe ich auch ein paar Likes, die meisten davon von Männern Ü50.

Wie viele Chancen habe ich also noch, einen konventionell mittelmäßig normal attraktiven netten Mann zu finden, der noch keinen Rollator braucht? Mit 40 wird da der Zug erst recht abgefahren sein. Und wenn ich ehrlich bin, ich möchte ein Mal die Erfahrung machen können, die meine schönen Freundinnen gemacht haben.

Viele werden jetzt mit der rettenden Einsicht kommen: Aber find dich einfach so schön, wie du bist!

Dieses hehre Ziel, das sehe ich nicht mehr für mich in diesem Leben.

Ich würde ohne den Eingriff also ganz sicher unsicher bleiben.

Unsicher im Sinne von: Na gut, der Typ ist nicht so mein Typ, vielleicht könnte er auch netter sein, naja, der Hellste ist er auch nicht – aber was kannst du schon erwarten? So hab ich schon so einiges ertragen.

Unsicher war ich auch immer, wenn ich dann mit jemandem zusammen war. Nicht immer hab ich das geäußert, aber natürlich ist die Frage da: Wenn er mich und mein Gesicht sieht, wie kann er das ertragen? Wahrscheinlich denkt er sich, nagut, die Fresse ist furchtbar, aber mit dem Rest kann ich leben? Ist er nicht sofort weg, wenn er eine „normal hübsche“ Frau kriegen kann?

Wird das alles verschwinden, wenn ich mir ein paar chirurgische Fäden durchs Gesicht ziehen lasse? Ich weiß es nicht.

Und ich hab wirklich, wirklich große Angst – obwohl das nicht mal ein wirklich chirurgischer Eingriff ist. Angst davor, dass es weh tut. Angst, dass es schief geht. Angst, wie meine Familie mich dafür fertig machen wird. Angst vor den Kosten und nur noch dafür zu arbeiten, mein Spiegelbild in Ordnung zu halten.

Aber ich hab auch Hoffnung. Zumindest ein bisschen. Hoffnung, in den Spiegel zu gucken und mich gut zu finden. Dafür ist der Wartungsaufwand am Ende ja auch da, oder?

8 Kommentare zu „Mit Ü30 wächst der Wartungsaufwand“

  1. Mach es. Das Ergebnis ist vorübergehend. Nur danach kannst du entscheiden, ob es dir gefällt. Nur danach kannst du entscheiden, ob du es beibehalten willst und weiter rein investierst. Es ist eine Erfahrung. Genauso wie ein Urlaub. Der bleibt auch nicht für immer. Die Erinnerung schon. Und man hat nie eine Garantie, dass es gut wird. Wir können auch mit dem Flieger auf die Malediven abstürzen. Trotzdem gehen wir dieses Risiko ein. In guter Hoffnung.
    Wenn du mal 60 bist, brauchst du auch kein Fadenlifting mehr. Da kannst du dann deine Urlaube machen. Jetzt ist die Zeit sich gut und begehrenswert zu fühlen. Jetzt und nicht später!

  2. mit 63 …dieUnsicherheit bleibt nicht, die Männer nehmen es wie es kommt, sie werden auch nicht schöner. ich fühle mich sogar besser als mit 30. Seit wann sprechen nur Männer die frauen an? Umgekehrt geht auch. Viele sind so schüchtern. Einsam. Aber nicht in der Disco, in dem Alter. Na gut ich zähle nicht, was nach 35 alles passiert ist, gehalten hat es alles nicht…aber das lag niemals am Aussehen!

    1. Nun, mir würde ja schon reichen, wenn mal was passieren würde. Dass eine Beziehung wirklich hält, also jahrelang oder ein Leben lang, daran wage ich auf keinen Fall zu glauben. Das kommt also in meinen Überlegungen gar nicht erst vor. Erstmal haben, bevor man behalten kann.
      Und naja, ansprechen ist glaub ich nicht mehr relevant heutzutage, es kommt ja doch – wenn überhaupt – alles online zustande.

      1. Ach, bei mir nicht online. Allerdings, doch einmal habe ich einen Katzensitter gefunden und war ganz erstaunt, dass der dann mehr wollte. Ich ging oft tanzen…allerdings kommt es auf die Gegend an. Im Urlaub war es auch einfach. Und in einem Wohnprojekt…ich weiss nicht, es sind nicht die tollen Männer, die ich mag, sondern die Schüchternen und die mit den Macken. Ich gehe nicht in die onlinevermittlung, neee!

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