Geld verdirbt nicht alles

Geld verdirbt den Charakter – über dieses abgedroschene Sprichwort habe ich zuletzt viel nachgedacht. In anderen Zusammenhängen als beim Dating zwar, aber trotzdem kommt es mir jetzt wieder in den Sinn. Der Mann, der sich den ganzen Sommer über hat von mir aushalten lassen – dieser Mann macht jetzt Witze darüber, dass ich ihm 2 Euro schulde.

Was beweist das? Man muss nicht mal Geld haben, um einen Charakter präsentieren zu können, der einer verschimmelten Banane gleicht.

Best things in life are free und so. Das gilt wohl auch für die weniger guten Dinge.

Wo fängt man da an? Für mich ist die Kernfrage zu dem Sprichwort nun, ob Geld wirklich schuld ist. Meine These wäre, dass dem nicht so ist. Denn leider kommen häufig Menschen zu viel Geld, die schon von vornherein nicht nett waren.

Keinesfalls würde ich behaupten, dass alle Menschen mit viel Geld Arschlöcher sind, das ist platt und zu kurz gedacht.

Am Ende kann Geld einem wohl die Sinne vernebeln, aber andere Dinge können das auch. Schlechte Erziehung, schlechte Veranlagung, zu viel Missbrauch von bestimmten Substanzen.

Die Gründe für das Dasein als Vollpfosten sind also vielfältig. Auf diesen Allgemeinplatz können wir uns wohl einigen, was?

Der Herr schrieb mir heute, es sei sehr kalt. Es zuckte mir in den Fingern, zu schreiben: Danke, Captain Obvious.

Tat ich natürlich nicht, sondern erkundigte mich, ob er spazieren gewesen sei. Und dass ich die Serie, die er am Wochenende geguckt hatte, nicht sehr gut fand.

Er schickt eine elendig lange Sprachnachricht über die Qualität der Serie und seinen Tag.

Zwei Nachrichten später schreibt er: „Du schuldest mir 2 EUR für Serienkritik“.

Ich lese. JETZT zuckt es mir noch mehr in den Fingern, zu schreiben, dass er es verrechnen könne mit einem Posten seiner Wahl. Keine Ahnung, das ganze Essen was ich ihm im Sommer bezahlt habe vielleicht. Oder, auch der Tabak, den er sich auf meine Kosten gekauft hat.

Wir saßen draußen im Park, er bot an, noch ein Bier zu holen, hatte aber kein Geld. Ich war froh, mit meinen angetrunkenen vier Buchstaben nicht aufstehen zu müssen und gab ihm 20 EUR.

Kriegte aber nur 10 EUR zurück. Späti-Bier ist nicht wahnsinnig teuer – nur als Info für Auswärtige.

Ich schaute erstaunt. Er sagte, er habe sich neuen Tabak gekauft und werde mir das ungefragt zurückgeben, wenn das nächste Arbeitslosengeld käme.

Well, das muss wohl niemals angekommen sein bei ihm, denn von meinen 10 Euro habe ich nie etwas gesehen.

Nicht, dass mir 10 Euro jetzt besonders weh tun würden. Meine Finanzen laufen sehr viel besser als – so gut wie alles andere in meinem Leben. Aber Prinzip und so.

Sich was leihen müssen ist ok. Man kann auch mal vergessen, es zurückzugeben.

Sich bei mir nur Kleinkram, bei seinen Freunden noch viel größere Beträge zu leihen und dann statt das Geld zurückzuzahlen Drogen zu kaufen: Nicht ok.

Und jetzt die Unverfrorenheit besitzen, darüber Witze zu machen, das macht mich richtig wütend.

Aber ich muss sagen, der Herr ist in guter Gesellschaft. Wie zum Beispiel der des Mannes, dem ich mal ganze 300 EUR geliehen hatte, weil er krank war und am Arsch der Welt auf der Straße stand.

Der kurz danach die Stadt verließ und sich nicht einmal verabschiedete. Der mir jetzt ständig vorheult, was er doch für ein Dummkopf gewesen sei.

Der gibt auch ganz gerne mal an, vor Weihnachten zum Beispiel damit, wie er sich dumm und dämlich damit verdient, Weihnachtsbäume zu verkaufen.

Er schickte mir eine Abrechnung von seinem Weihnachtsbaum-Gehalt. Ich sage prima, schön für dich, aber da du ja jetzt Geld hast, könntest du mir wohl auch mein Geld wiedergeben? Klar, sagte er, im Januar.

Da warte ich dann auch noch drauf. Naja, also nicht wirklich.

Aber zurück zum Narzissten. Er schickt mir jetzt immer noch mehr Nachrichten.

Ich lese, warte, sage nichts. Jetzt hat er endlich gefragt, was ich heute noch mache.

Ich hätte nicht übel Lust, ihn hier antanzen zu lassen bei -7 Grad. Dann könnte ich ihm 2 Euro in die Hand drücken und ihn wieder nach Hause schicken.

Allerdings – wenn ich mich so bescheiden verhalte, könnte man mir noch nachsagen, dass es am Geld liegt.

2 Kommentare zu „Geld verdirbt nicht alles“

  1. Ja das hab ich auch schon erlebt, dass ich Geld nicht wieder bekam. Auch von Freundinnen. Bis zu meinem Ehemann, der in der Ehe (fast 20 Jahre) viel Geld abzweigte (weiss nicht wie er es so spurlos verschwinden lassen konnte), manchmal irgendwelchen „Freundinnen“ gegenüber sehr großzügig war, mir in der Scheidung den letzten Cent abklagte (ich zahlte für ihn Unterhalt und hatte die Kinder bei mir lebend und in Schule und Ausbildung) und nun nach der Scheidung hat er sich ein Haus gekauft. Ein Teil meiner Verwandschaft bewundert ihn heimlich für seine Raffinesse.
    Es gibt viele Arschlöcher auf der Welt und viele Menschen mit miesem Charakter. Und ich glaube das Geld ist am Ende ein Symptom dafür, wie Menschen andere Menschen benutzen und ausnutzen.

    Ich denke seine wunderbare Serienkritik war keine 2€ wert. Wenn er es erwähnt, sag ihm du bezahlt keine Dienstleistung, die Du nicht beauftragt hast. Oder besser: beende die Kommunikation. Ich kenne Dich nicht, aber ich bin mir völlig sicher, dass Du mehr Wert bist, als das was der Herr da abzieht. Lass dass nicht mehr zu! Deinetwegen!

    1. Diese Rosenkrieg-Situation kenne ich nur von früher aus der Perspektive der Kinder, ist überhaupt nicht schön.
      Nein, die Serienkritik war es das bestimmt nicht und wie du schon sagtest, ich habe nicht darum gebeten. Ein einfaches „ja, fand ich auch nicht so gut“ hätte auch gereicht.
      Es nervt mich zwar zwischendurch, was er da abzieht, aber ich kann mich auch mittlerweile drüber amüsieren. Schließlich will ich nur noch eins von ihm – und eine Serienkritik ist es nicht.
      Ich muss mich lediglich zusammenreißen, die ganzen schlafertigen Antworten für mich zu behalten, die mir einfallen.

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