Am See mit Jekyll & Hyde

Ich habe mir ja schon oft gefragt, was mir beim Dating eigentlich weiterhelfen würde? Abgesehen von einem intakten Selbstbewusstsein, meine ich jetzt. Mehr Lächeln, schönere Zähne, aufgepimptes Gesicht oder Dekolletee? Es stellt sich in dieser Rückblenden-Episode heraus, dass es nichts davon ist. Was mir fehlt ist eine wichtige Fähigkeit, die jetzt schon mehr als ein Mann von mir gefordert hat.

Gedankenlesen. Empathie ist out, Telepathie ist das neue Ding.

Wir hatten uns wieder zusammengerauft und einen netten Kinoabend verbracht. Echt, alles gut. Ich merkte ihm zwar eine leichte Verstimmtheit darüber an, dass die von mir ausgesuchten und bezahlten Plätze nicht ganz da waren, wo er wollte – aber er riss sich am Riemen.

Am nächsten Morgen fragte ich also in einem Anfall absurder Euphorie ob wir jetzt (wie ich vorher schon gefragt hatte) morgen zum See fahren wollten.

Klar, sagte er, und er würde einen See raussuchen. Gut, ich fuhr weiter in Euphorie zur Arbeit, machte meinen Job, traf mich abends mit einer Freundin. Ging halbwegs früh und nüchtern wieder heim, weil ich wollte ja am Samstag zum See fahren. War ja so verabredet.

Samstag stehe ich also früh auf, räume noch etwas auf (weil ich ja davon ausging, dass er nach dem See mit zu mir kommen würde) und texte so irgendwann gegen halb elf.

„Na? Wie sieht’s aus?“

Halbe Stunde später, ein verschlafenes „Guten Morgen“ – er sei sehr müde und wolle sich nicht hetzen.

Ok, kein Problem. Immer mit der Ruhe – man will ja verständnisvoll sein und so.

Eigentlich müsse er auch noch was erledigen. Und es sei so heiß.

Ehhh…..ok. Ich rufe ihn an, um das zu besprechen.

Ja, er sei gestern so müde gewesen, da habe er das nicht erledigen können. (Oh right, rate mal, wer auch müde war und trotzdem gearbeitet hat? Nicht vergessen, er war ja arbeitslos).

Er müsse noch Sachen zum Amt schicken für seine Weiterbildung. Das werde auf jeden Fall noch was dauern. Und es sei ja so heiß. Und es werde an diesem möglicherweise letzten schönen Samstag des Jahres auch überall so voll.

Er sei ja nicht darauf angewiesen, nur am Samstag zum See zu fahren. Er könne das auch an jedem anderen Tag haben. Er war ja auch schon öfter mal in der Sonne über die Woche. Das sei halt anders als bei mir. Das müsse ich doch verstehen.

Ehhhhh…….Ja, verstehe ich. Ich fahre unter der Woche um kurz nach neun zur Arbeit und komme gegen sieben wieder. Da ist nicht sooo viel mit in der Sonne liegen. Aber hey, ist klar, gestern konntest du halt nichts machen.

Übersetzt heißt das für mich: Was ich gestern gesagt habe, ist heute nichts mehr wert. Und dass du gern dein Wochenende nutzen würdest und das mit mir, ist mir auch wurscht. Ich muss das ja nicht, ich hab immer frei.

Ich bin kurz davor ihm zu sagen, er solle sich zum Teufel scheren, überlege, allein zum See zu fahren. Dann denke ich, ach, das ist auch blöd, warte halt mal ab.

Aha. Ich sage ja gut, das müsse er wissen. Er könne ja Bescheid sagen, wenn er seine Sachen erledigt hat.

Ich warte also. Und warte. Gegen halb drei sagt er, er sei jetzt fertig. Und vielleicht würde schwimmen ja ganz gut tun.

Gut soll es tun – wir fahren zum See. Sind natürlich super spät da, aber immerhin sind wir da.

Er schwimmt, ich liege in der Sonne, läuft doch. Irgendwie.

Muss ich noch erwähnen, dass ich als einzige ein bisschen was zu essen eingepackt habe? Nun, kein Problem, wir teilen das. Alles fein.

Theoretisch. Denn auch in den kurzen Zeiten, in denen alles prima zu laufen schien, war uns das Drama mit leisen Sohlen auf den Fersen. Und auf dem Rückweg vom See ging es in den Sprint über.

In der S-Bahn fragt er: „Sollen wir eigentlich die Tram hier nehmen, oder fährt die gerade nicht?“

Ja, könnten wir eigentlich. Ne, Moment – die hat grade Ersatzverkehr, da müssen wir wieder in so einen blöden, überfüllten Bus. Lass mal hier in der Bahn bleiben – war meine fatale Aussage.

Wir kommen also an der S-Bahn-Station an. Uns trennen sagenumwobene 1,3 km von dem Imbiss, bei dem wir etwas essen wollten.

Ich biege beim Quatschen aus Versehen in die falsche Straße ab, wir gehen zehn Meter in die falsche Richtung.

Er fängt an, sich den Nacken zu reiben. Er könne seinen Rucksack nicht so weit tragen. Und überhaupt, jetzt tue ihm alles weh. Das geht gar nicht. Er hat doch Montag ein Vorstellungsgespräch. Und er hat soooo viel Hunger. Dass ich mich jetzt auch noch verlaufen müsste. Wir hätten doch die Tram nehmen können, murmelt er vor sich hin.

Ehhh……haben wir jetzt wieder ein Problem, frage ich?

Das sei doch keine konstruktive Frage, sagt er.

Ich persönlich finde das sehr konstruktiv, denn wenn er ein Problem mit mir hat, würde ich das gern erörtern. Er möchte einfach weiter maulen, seine Stimmung sackt weiter in sich zusammen und wir sind zwar an der frischen Luft, aber selbst die könnte man gerade schneiden.

Wenn er die Tram hätte nehmen wollen, weil er seinen Rucksack für seinen kaputten Rücken zu schwer findet, hätte er das doch so sagen können? Dann hätte ich doch niemals gesagt, lass uns das nicht machen – wende ich ein.

Ehrlich, das Ausmaß des drohenden Problems war mir ja nicht im Ansatz klar, sonst wäre ich halt im blöden Ersatzverkehrs-Bus gefahren.

Aber wenn die Frage ist: Fährt die Bahn denn? Dann sehe ich darin keine dringende Bitte.

Nun, doch, hätte ich aber sehen sollen, klärt er mich auf. Denn warum sollte er das sonst vorschlagen?

Ehhh…..keine Ahnung, um es zu diskutieren. Dachte, das macht man so mit Vorschlägen. Wenn der Vorschlag angenommen werden muss, damit du nicht ein großes Fass Vorwürfe aufmachst, mir die Schuld für deine Rückenschmerzen gibst und den Abend zunichte machst, ist es kein Vorschlag.

Mehr ein passiv-aggressiver Befehl.

Wir sitzen also mittlerweile im Imbiss und essen, er sagt mir, ich sei nicht gut genug darin, solche Hinweise anzunehmen. Letztens hätte er ja auch gesagt, wir könnten auch über die Seitenstraße laufen und das hätte ich nicht gemacht. Obwohl es ihm schlecht ging (Drug-Hangover-Dingsbums).

Ja, ich weiß nicht, wie man sich da fühlt. Aber wenn man sich schlecht fühlt und deswegen einen Umweg laufen muss, kann man mir das normal mitteilen. Klare Ansage, dann laufen wir n Umweg.

Ich kann mich auf viel einstellen, aber ich bin KEIN Gedankenleser.

Und ob ich heute nicht verstanden hätte, dass er eigentlich nicht zum See fahren wollte?

Seine Mitleidsnummer von heute Mittag sei ja wohl klar gewesen, er hätte nicht gewollt und sei jetzt nur wegen mir gefahren. Er hat doch am Montag sein Vorstellungsgespräch.

Eh………wir waren halt verabredet, entgegne ich. Erst vor einem Tag hast du gesagt ja und du kümmerst dich um nen Plan. Wenn du nicht mehr fahren kannst, kannst du das doch sagen. Von dem Vorstellungsgespräch wusstest du doch auch schon gestern, als ich gefragt hab. Du meintest, du müsstest dich nicht mehr groß vorbereiten.

Nun, in seinem Freundeskreis ist das alles ganz normal. Verabredungen sind mehr lose, wenn man halt müde ist oder keine Lust hat, sagt man so ab. Also, man sagt nicht ab, sondern stimmt so eine „Mimimimi-Tirade“ an, wie er am Mittag.

Aha.

Was soll ich sagen, meine Freunde machen sowas nicht mit mir. Die kreuzen im Allgemeinen auf, wenn man sich verabredet. Und das sogar, wenn sie müde sind. Aber hey, die haben Jobs und oftmals Kinder, die sind immer müde.

Das Esstäbchen plumpste mir endgültig aus der Hand, als dieser Satz fiel: „Ich kann halt nicht immer so sagen, was ich will. Ich bin sehr konfliktscheu. Ist dir das noch nicht aufgefallen?“

Indeed. Echt jetzt? Konfliktscheu? Ich habe noch nie jemandem kennengelernt, der so oft wegen jedem kleinen Mist einen Konflikt vom Zaun bricht. Der sich dermaßen aufregt, weil der DHL-Bote ZWEI Mal bei ihm klingelt, dass er Rückenschmerzen davon bekommt und tagelang nichts mehr geschissen kriegt.

Nein, das sei mir noch nicht so aufgefallen, sage ich. (Gut, auch das war meine Schuld, denn hätte ich endlich Gedanken lesen gelernt, hätte ich es ja gewusst)

Er hat mittlerweile fertig gegessen und wir einigen uns, dass wir beide etwas mehr versuchen wollen, unseren Stil zu ändern. Ich könne ja versuchen, öfter mal auf seine Hinweise zu achten. Und er wolle sich mit den klaren Ansagen versuchen.

Ob der Eklat vielleicht ein kleines bisschen damit zu tun gehabt haben könnte, dass er so viel Hunger hatte, frage ich ihn? Unsere Mägen sind voll mit Asia-Essen und zwei Bier.

Ja, durchaus, gibt er zu.

Nun gut, du bist nicht du, wenn du hungrig bist, wie uns ein bekannter Schokoladenriegel-Hersteller ja bereits versicherte. Kommt vor. Die Frage ist nur, wenn du zu 90% der Zeit, mehr Mr. Hyde bist als Dr. Jekyll, weil du hungrig bist, weil du Drogen genommen hast, weil dich jemand schief angeschaut hat, weil der Paketbote geklingelt hat – wer bist du dann?

Ich weiß es nicht, meine telepathischen Fähigkeiten haben immer noch nicht eingesetzt.

1 Kommentar zu „Am See mit Jekyll & Hyde“

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